Welch klaeglicher Titel, ich schaeme mich. Ich werde die Schule vermissen, denn heute war ein schoener Tag, ich beschreibe ihn mal ganz detailliert, damit ihr wisst, wie es so zugeht manchmal, auch wenn ihr bisher nicht wusstet, dass euch das so brennend interessiert. Ich schreibe immer auch ein bisschen erlaeuternd dazu, was warum gemacht wird. Dieser Beitrag ist der Christine gewidmet und ich hoffe sehr, dass sie ihn liest!
Der Schultag beginnt immer mit einer Orientierungsphase, in der die Kinder den Klassenraum betreten, ihren Tisch abstauben (ja, das ist taeglich noetig), die Fenster aufmachen, Wasserflasche und Mittagessen auf einen Tisch stellen und ihre Schultaschen auspacken. Die Kinder haben zu Beginn des Unterrichts nichts auf ihren Tischen, alle Buecher und Hefte sind in den Schrank geraeumt und Schreibutensilien bekommen die Kinder je nach Bedarf vom Lehrer. Nachdem alle Kinder auf ihrem Platz sitzen, begruesse ich sie nochmals gemeinsam und gucke mir an, wer abwesend ist. Dann frage ich normalerweise, ob sie „exercise“ machen wollen, worauf immer ein „yes, ma’m“ zurueck geschrieen wird. Dadurch kommt es regelmaessig zur Wiederholung der first rule: Don’t shout. (Wiederholung der Regeln, die uebrigens schoen gedruckt auf buntem Papier und laminiert an der Wand haengen, gehoert auch in die Orientierungsphase.) Dann stehen die Kinder auf und wir springen ein bisschen auf unserem Platz herum, erst wild, dann immer langsamer, zum Schluss gibt es ein paar yogaaehnliche Uebungen. Das ganze Hopsen dauert nicht laenger als fuenf Minuten insgesamt. Nach den exercises gibt es eine zwei- oder dreiminuetige Zeit der Stille, in der alle mit geschlossenen Augen da sitzen. Obwohl es jedes Mal Kinder gibt, meistens dieselben, denen das sehr schwer faellt, scheint der Grossteil der Klasse die Ruhe zu geniessen.
Da letzte Woche Ferien waren, hatte ich ausnahmsweise die Zeit, den Unterricht vorzuplanen, normalerweise gibt es soviel zu tun, dass ich nur einen Tag vorplanen kann. Nun steht also meine Vorbereitung fuer meine letzte Woche hier. Gerade reden wir im Science-Unterricht ueber „the food we eat“. Gestern habe ich mit Hilfe eines Arbeitsblattes die wichtigsten Naehrstoffe (carbohydrates, proteins, vitamins and minerals eingefuehrt). Geplant hatte ich das Ganze fuer 1,5 Stunden, gedauert hat es drei… Grossartig. So geht es mir aber meistens, weil ich jedes Mal von neuem ueberrascht bin, wie wenig English die Kinder koennen. Irgendwie verliert sich dieses Wissen, sobald ich vorbereite. Heute habe ich nach der stillen Zeit oral (das klingt seltsam, mir faellt das deutsche Aequivalent nicht ein) alles noch mal wiederholt, was wider Erwarten den Kindern und mir grossen Spass gemacht hat. Sie waren auch nicht ganz so nicht-leise wie sonst, da Arthaghia und Manoj dabei waren, zwei Lehrer, die gestern neu eingestellt worden sind und zum Observieren dabei waren. Ich habe ganz viel Essen mitgebracht und nacheinander alles aus der Tasche geholt und die Kinder mussten mir sagen, ob das nun „Go“, „Grow“ oder „Glow“ food ist. Dieses Konzept hab ich einem englischen Kinderbuch entlehnt, in dem die oben erwaehnten nutriens mit einfacher zu merkenden Woertern verbunden werden. Zum Beispiel geben Vitamine unserem Haar und unserer Haut Glanz. Glow. Easy. Dachte ich.
Nach jeder muendlichen Einheit soll es laut Priya eine schriftliche Aufgabe fuer die Kinder geben. Meine Frage war: „Why do we need different food items?“ Bei der Frage blieb es auch, die Antwort steht immer noch in den Sternen. Viel zu schwierig, die Kinder waren nicht faehig, diese Frage zu verstehen, weil die Kati nicht faehig war, diese Frage anstaendig zu formulieren oder zu erklaeren. Dann hab ich es mit „Why do we need vitamins?“ versucht. Erneut klaegliches Scheitern meiner doch so schoenen Frage. Die Kinder sind noch nicht in der Lage, einen Text zu lesen und seine Aussage zu erfassen, weil sie gar nicht wissen, wie sie das machen sollen. Nach einigem Hin und Her haben dann einige aeltere Jungen die Antwort herausbekommen (es war alles auf dem Arbeitsblatt zu finden, das wir gestern gelesen und angeschaut hatten). Die naechste Frage war: „In which food items do we find vitamins?“ Das ging schon fluessiger, weil sie die Foodpyramide sehr moegen, so wie alle Bilder
Zum naeheren Verstaendnis: Die Kinder sind erst seit knapp einem Jahr in der Schule, haben vorher noch kein Wort English gesprochen. Also koennen sie eigentlich nicht „schlecht“ English, sondern „sehr gut“, wenn man das aus dem zeitlichen Blickwinkel betrachtet. Beide Fragen habe ich an die Tafel geschrieben und, da die Antwort den Kindern so schwer gefallen ist, auch die Loesung der ersten. Theoretisch ist es so, dass Fragen moeglichst offen formuliert sein sollen und Antworten nicht vorgegeben. Das ist bei meinen Kindern noch sehr sehr schwierig, zumindest wenn es sich um Fragen handelt, die schriftlich beantwortet werden sollen. Wenn es ums Malen geht, sind alle gut dabei (siehe unten), aber da die Kinder alle Aufgaben moeglichst perfekt loesen wollen, wollen sie auch ganz genau wissen, was die Antwort ist und vor allem – wie sie in richtigem English geschrieben wird. Also sind meine Fragen oft ganz eng formuliert, um den Kindern Sicherheit zu geben. Sobald sie mit einem Thema vertrauter* sind, werden auch die Fragen offener.
Ich wuerde Priyas System als Wellensystem bezeichnen, es erinnert mich an bisschen an Rudolf Steiners Ansatz, den Kindern Aktivitaeten anzubieten, die einander entgegengesetzt sind. So gibt es nach muendlicher (da ist das Wort!) Arbeit eine schriftliche Arbeit und nach dem Sitzen an Tischen das Sitzen auf dem Boden, und nach Arbeit mit Worten das Arbeiten mit Farben. Dahinter steht die Annahme, dass Abwechslung die Kinder wach und interessiert haelt am Unterrichtsgeschehen und soweit ich das mitbekomme, kann das schon sein – wenn der Lehrer gut vorbereitet ist und den momentanen Beduerfnissen der Kinder gerecht wird. Und auch das einzelne Kind im Blick behaelt.
Die Kinder schreiben unterschiedlich sicher und schnell, ich habe ja die Klassen 2-4. Dadurch gibt es regelmaessig Unruhe, wenn eine Schreibaufgabe gleichzeitig geloest wird, weil einige Kinder schon eher fertig sind und andere es scheinbar nie werden und ganz viel Hilfe benoetigen. Es sind zwei Kinder mit Dyslexia in meiner Klasse, die aber unbedingt alles richtig schreiben wollen – was ich ganz toll finde, weil ich das nie verlangt habe und auch nicht erwarte – und jedes zweite Wort buchstabiert haben wollen. Das war keine Uebertreibung. Ich hab mich sehr gefreut, als ich gemerkt habe, dass besonders auch die juengeren Kinder das Konzept (in welchen Nahrungsmitteln sich Vitamine befinden) gerafft haben, weil sie ploetzlich Fruechte aufgeschrieben haben, die nicht in der Abbildung gegeben waren. Das ist vielleicht nur eine Kleinigkeit, aber fuer mich bedeutet es viel, naemlich, dass sie verstehen und anwenden koennen, auch wenn sie nicht die Worte haben, um dem Ganzen Ausdruck zu verleihen. Wie auch immer.
Die Kinder, die schon fertig waren, habe ich zum Wassertrinken und Pause machen geschickt und dann begonnen, die naechste Einheit auf dem Boden vorzubereiten. Matten hinlegen, das mitgebrachte Essen in zwei Haufen aufschichten, grosse Din-A1 Plakate mit den Umrissen der Foodpyramide auslegen. Dann sollten die Kinder in zwei Gruppen (2. und 3./4. Klasse) arbeiten und das Essen in die richtigen Felder legen, ohne auf dem Arbeitsblatt nachzuschauen. Das ging sehr gut und hat ihnen grossartig gefallen. Zur Freude der juengeren hatten beide Gruppen jeweils einen Fehler, also waren sie den Groesseren nicht unterlegen. Das ist eine Schwierigkeit manchmal, dass die juengeren Kinder grundsaetzlich weniger koennen und oft das Gefuehl haben, weniger „gut“ zu sein. Danach sollten die Kinder das Essen malen (in die richtigen Felder), die Felder beschriften, alles kuenstlerisch gestalten, mit Ueberschrift und Datum, wie sich das gehoert. Spaetestens, wenn die Kinder kreativ werden koennen, ist es eine pure Freude, ihnen zuzuschauen und ihren Sinn fuer Details, Schoenheit, Farbenfrohheit und ihre Vorliebe fuer phantasievolle Muster zu bewundern. Die Ergebnisse sind dementsprechend.
Vor der Mittagspause gibt es die „assembly“, in der alle Kinder der Schule zusammen kommen und normalerweise zusammen singen. Heute gab es eine Vorstellung des „Halloween“ Festivals in den USA durch die Lehrer. Danach 50 Minuten lunchbreak, in der die Kinder erst essen und dann Outdoor- oder Indoorgames spielen. Das reicht von Badminton ueber Kricket bis hin zu Schach und Ludo.
Nach der Pause ging es heute ausnahmsweise wieder mit einer längeren kreativen Arbeit weiter – es wurden Halloweenmasken gebastelt und die neuen Lehrer sollten die Gruppen leiten. Ich will nicht sagen, dass ich eine gute Lehrerin bin, aber gerade deshalb habe ich ein Auge fuer schlechte Lehrer
… Naja, sie sind neu und man will ihnen ja nicht sofort jegliches Lernvermögen absprechen. Ausserdem bin ich selbst nicht annähernd so gut, wie ich das gerne haette. Zum Glück ist das Training durch Priya ziemlich hilfreich. Während die Kinder bastelten, habe ich die letzten Wanddisplays abgenommen und durch die beiden Essenspyramiden ersetzt. Das ist eine andere Regel, die es gibt: Mindestens einmal pro Woche sollen die Kinder etwas „herstellen“, was dann nachher im Klassenraum ausgehängt wird und es soll natürlich immer kreativ gestaltet sein. Im Moment hängen neben den beiden neuen Grossgemälden Arbeiten aus dem Mathematikunterricht (Zahlen finden, das Ergebnis bunt anmalen) und dem Englischunterricht („Books we read“). Die Kinder sollen staendig mit dem in Beruehrung kommen, was sie an Schönem geschaffen haben, sie sollen ihr eigenes Werk entdecken koennen und auch das ihrer Mitschueler. Bis jetzt habe ich noch nie gehoert, dass ein Kind ueber das Werk eines anderen sagt: Das ist aber haesslich! Sondern die Kinder fragen sich gegenseitig, wer was gemacht hat und jedes Kind ist ganz stolz auf die eigene Leistung. Das ist schön zu sehen. Als die ersten Masken fertig worden, habe ich sie an einer langen Schnur im Klassenraum aufgehängt. Es ist schon bewundernswert, was Kinder können.
Nach dem etwas chaotischen und lauten (!) Aufräumen dauerte es etwas, bis die Kinder sich soweit beruhigt hatten, dass sie sich hingesetzt haben (wieder an die Tische) und mir zuhoeren konnten. Als ich die Hausaufgaben von gestern sehen wollte, haben sich alle total gefreut und sie mir sofort gezeigt, weil ausser zwei Kindern alle die Hausaufgaben gemacht haben. Kommt auch nicht immer vor, hat mich also auch sehr gefreut. Und die Kinder haben sich umso mehr ueber mein Lob gefreut. Strahlende Runde also. Zeit, um neue Hausaufgaben zu geben
Hihi. Hausaufgaben sind bei den Kindern übrigens sehr begehrt, besonders in Mathematik. Gibt es mal keine Hausaufgaben, weil ich vergessen habe, mir etwas auszudenken, kommen immer Beschwerden. Nicht der Eltern, wohlgemerkt. Die heutigen zwei Fragen: „In which food items can we find proteins?“ und „In which food items can we find carbohydrates?“ Als ich die erste Frage angeschrieben hatte, meinte ein Junge, dass wir die doch schon besprochen hätten und wurde sofort von anderen korrigiert. Auch das ein Lern-, weil Leseerfolg. Diesmal kamen die Antworten sehr schnell und sicher, von fast allen Kindern. Ich schreibe das mal der praktischen Übung mit dem Essen und der Foodpyramide und dem anschliessenden Malen zu.
Zur „Hausaufgabentheorie“: Hausaufgaben sollen moeglichst interessant gemacht sein, so dass die Kinder gerne Hausaufgaben machen. Okay, das ist bei meinen beiden Fragen nicht der Fall, dafuer war dieser Tag aber ueberaus kreativ gewesen. Dann soll es so sein, dass die Fragen bereits im Unterricht besprochen werden. Der Lehrer muss dafuer sorgen, dass jedes Kind die Frage verstanden hat und beantworten kann. Hat die Mehrzahl der Klasse die Hausaufgaben nicht gemacht (kam bei mir schon oefter vor), ist das ein Indiz dafuer, dass der Lehrer die Aufgabe nicht gut genug erklaert hat. Das finde ich grundsaetzlich sehr gut, dass die Schuld nie beim Kind, sondern zunaechst immer beim Erwachsenen gesucht wird. Falls man da von „Schuld“ sprechen will.
Normalerweise wird am Ende vom Schultag das Klassenzimmer von den Kindern aufgeraeumt und gefegt. Das laeuft bei meinen Kindern noch nicht so gut, das muss ich bald mal mit ihnen nochmals besprechen. Auch hier geht niemand davon aus, dass die Kinder zu faul sind, aufzuraeumen oder es einfach nicht wollen, sondern im Gegenteil, es wird angenommen, dass sie gerne aufräumen und dass ihnen nur die richtigen Techniken fehlen, das schnell und zu ihrer Zufriedenheit zu machen. Deshalb gibt es dann bald eine Aufräumlehrstunde, in denen wir gemeinsam besprechen, wie man das Klassenzimmer sauber halten könnte. Da darf auch ruhig mal eine Stunde Zeit für drauf gehen.
Ja. Das war mein Tag im Grossen und Ganzen. Aufgeschrieben sieht das viel aus, aber es fehlen noch ganz viele Kleinigkeiten, die ich weggelassen habe, die aber relativ wichtig sind aus dem paedagogischen Blinkwinkel. Oh mann, sogar mein Ausdruck ist jetzt ganz schoen schlecht, ich sollte aufhoeren. Ich hoffe, es ist niemand gelangweilt. Ich hoffe im Besonderen, dass die Christine nicht gelangweilt ist!
*Das ist voellig off-topic, aber als ich dieses Wort geschrieben habe, habe ich „vertrauert“ geschrieben und das falsche Wort nur durch Zufall entdeckt. Musste mich auslachen.