Archiv für Oktober 2007

Das Ende.

Die vergangenen Tage habe ich nichts geschrieben, weil mir einfach nichts eingefallen ist, was ich schreiben koennte. Geht mir immer noch so, aber da heute mein letzter Tag in Varanasi ist vor meinen Ferien in Deutschland, schreibe ich trotzdem.

Heute habe ich frei, Priya meinte, ich solle nicht in die Schule kommen, sondern in Ruhe meine Sachen packen. Das war unglaublich erleichternd fuer mich, weil es soviel aufzuraeumen, sauberzumachen und zu waschen gab. Jetzt bin ich damit fertig und in der Stadt unterwegs, um noch einige Besorgungen zu machen. Nachher fahre ich bei Priya vorbei, mich verabschieden.

Gestern war demnach mein letzter Schultag und die Kinder fanden das wohl nicht so gut, dass ich gehe. Das wiederum fand ich gut. Sie bekommen jetzt einen neuen Lehrer (Manoj), den ich in den letzten zwei Tagen im Unterricht begleitet habe. Wenn ich wiederkomme aus Deutschland wird dann meine Klasse geteilt, d.h. ich werde nur noch 8 Kinder in meiner Klasse haben. Ich habe mich sehr gefreut, als ich das gehoert habe, weil das meine Arbeit einfacher machen wird und auch fuer die Kinder viel besser ist. Freue mich. Und werde Betawar vermissen.

So, jetzt muss ich mal wieder raus in die geliebte Sonne, die hier so schoen warm scheint und mich gluecklich macht. Naja, nachts nicht. Bis bald in Deutschland!

Ein Tag in Betawar.

Welch klaeglicher Titel, ich schaeme mich. Ich werde die Schule vermissen, denn heute war ein schoener Tag, ich beschreibe ihn mal ganz detailliert, damit ihr wisst, wie es so zugeht manchmal, auch wenn ihr bisher nicht wusstet, dass euch das so brennend interessiert. Ich schreibe immer auch ein bisschen erlaeuternd dazu, was warum gemacht wird. Dieser Beitrag ist der Christine gewidmet und ich hoffe sehr, dass sie ihn liest!

Der Schultag beginnt immer mit einer Orientierungsphase, in der die Kinder den Klassenraum betreten, ihren Tisch abstauben (ja, das ist taeglich noetig), die Fenster aufmachen, Wasserflasche und Mittagessen auf einen Tisch stellen und ihre Schultaschen auspacken. Die Kinder haben zu Beginn des Unterrichts nichts auf ihren Tischen, alle Buecher und Hefte sind in den Schrank geraeumt und Schreibutensilien bekommen die Kinder je nach Bedarf vom Lehrer. Nachdem alle Kinder auf ihrem Platz sitzen, begruesse ich sie nochmals gemeinsam und gucke mir an, wer abwesend ist. Dann frage ich normalerweise, ob sie „exercise“ machen wollen, worauf immer ein „yes, ma’m“ zurueck geschrieen wird. Dadurch kommt es regelmaessig zur Wiederholung der first rule: Don’t shout. (Wiederholung der Regeln, die uebrigens schoen gedruckt auf buntem Papier und laminiert an der Wand haengen, gehoert auch in die Orientierungsphase.) Dann stehen die Kinder auf und wir springen ein bisschen auf unserem Platz herum, erst wild, dann immer langsamer, zum Schluss gibt es ein paar yogaaehnliche Uebungen. Das ganze Hopsen dauert nicht laenger als fuenf Minuten insgesamt. Nach den exercises gibt es eine zwei- oder dreiminuetige Zeit der Stille, in der alle mit geschlossenen Augen da sitzen. Obwohl es jedes Mal Kinder gibt, meistens dieselben, denen das sehr schwer faellt, scheint der Grossteil der Klasse die Ruhe zu geniessen.

Da letzte Woche Ferien waren, hatte ich ausnahmsweise die Zeit, den Unterricht vorzuplanen, normalerweise gibt es soviel zu tun, dass ich nur einen Tag vorplanen kann. Nun steht also meine Vorbereitung fuer meine letzte Woche hier. Gerade reden wir im Science-Unterricht ueber „the food we eat“. Gestern habe ich mit Hilfe eines Arbeitsblattes die wichtigsten Naehrstoffe (carbohydrates, proteins, vitamins and minerals eingefuehrt). Geplant hatte ich das Ganze fuer 1,5 Stunden, gedauert hat es drei… Grossartig. So geht es mir aber meistens, weil ich jedes Mal von neuem ueberrascht bin, wie wenig English die Kinder koennen. Irgendwie verliert sich dieses Wissen, sobald ich vorbereite. Heute habe ich nach der stillen Zeit oral (das klingt seltsam, mir faellt das deutsche Aequivalent nicht ein) alles noch mal wiederholt, was wider Erwarten den Kindern und mir grossen Spass gemacht hat. Sie waren auch nicht ganz so nicht-leise wie sonst, da Arthaghia und Manoj dabei waren, zwei Lehrer, die gestern neu eingestellt worden sind und zum Observieren dabei waren. Ich habe ganz viel Essen mitgebracht und nacheinander alles aus der Tasche geholt und die Kinder mussten mir sagen, ob das nun „Go“, „Grow“ oder „Glow“ food ist. Dieses Konzept hab ich einem englischen Kinderbuch entlehnt, in dem die oben erwaehnten nutriens mit einfacher zu merkenden Woertern verbunden werden. Zum Beispiel geben Vitamine unserem Haar und unserer Haut Glanz. Glow. Easy. Dachte ich.

Nach jeder muendlichen Einheit soll es laut Priya eine schriftliche Aufgabe fuer die Kinder geben. Meine Frage war: „Why do we need different food items?“ Bei der Frage blieb es auch, die Antwort steht immer noch in den Sternen. Viel zu schwierig, die Kinder waren nicht faehig, diese Frage zu verstehen, weil die Kati nicht faehig war, diese Frage anstaendig zu formulieren oder zu erklaeren. Dann hab ich es mit „Why do we need vitamins?“ versucht. Erneut klaegliches Scheitern meiner doch so schoenen Frage. Die Kinder sind noch nicht in der Lage, einen Text zu lesen und seine Aussage zu erfassen, weil sie gar nicht wissen, wie sie das machen sollen. Nach einigem Hin und Her haben dann einige aeltere Jungen die Antwort herausbekommen (es war alles auf dem Arbeitsblatt zu finden, das wir gestern gelesen und angeschaut hatten). Die naechste Frage war: „In which food items do we find vitamins?“ Das ging schon fluessiger, weil sie die Foodpyramide sehr moegen, so wie alle Bilder :-)

Zum naeheren Verstaendnis: Die Kinder sind erst seit knapp einem Jahr in der Schule, haben vorher noch kein Wort English gesprochen. Also koennen sie eigentlich nicht „schlecht“ English, sondern „sehr gut“, wenn man das aus dem zeitlichen Blickwinkel betrachtet. Beide Fragen habe ich an die Tafel geschrieben und, da die Antwort den Kindern so schwer gefallen ist, auch die Loesung der ersten. Theoretisch ist es so, dass Fragen moeglichst offen formuliert sein sollen und Antworten nicht vorgegeben. Das ist bei meinen Kindern noch sehr sehr schwierig, zumindest wenn es sich um Fragen handelt, die schriftlich beantwortet werden sollen. Wenn es ums Malen geht, sind alle gut dabei (siehe unten), aber da die Kinder alle Aufgaben moeglichst perfekt loesen wollen, wollen sie auch ganz genau wissen, was die Antwort ist und vor allem – wie sie in richtigem English geschrieben wird. Also sind meine Fragen oft ganz eng formuliert, um den Kindern Sicherheit zu geben. Sobald sie mit einem Thema vertrauter* sind, werden auch die Fragen offener.

Ich wuerde Priyas System als Wellensystem bezeichnen, es erinnert mich an bisschen an Rudolf Steiners Ansatz, den Kindern Aktivitaeten anzubieten, die einander entgegengesetzt sind. So gibt es nach muendlicher (da ist das Wort!) Arbeit eine schriftliche Arbeit und nach dem Sitzen an Tischen das Sitzen auf dem Boden, und nach Arbeit mit Worten das Arbeiten mit Farben. Dahinter steht die Annahme, dass Abwechslung die Kinder wach und interessiert haelt am Unterrichtsgeschehen und soweit ich das mitbekomme, kann das schon sein – wenn der Lehrer gut vorbereitet ist und den momentanen Beduerfnissen der Kinder gerecht wird. Und auch das einzelne Kind im Blick behaelt.

Die Kinder schreiben unterschiedlich sicher und schnell, ich habe ja die Klassen 2-4. Dadurch gibt es regelmaessig Unruhe, wenn eine Schreibaufgabe gleichzeitig geloest wird, weil einige Kinder schon eher fertig sind und andere es scheinbar nie werden und ganz viel Hilfe benoetigen. Es sind zwei Kinder mit Dyslexia in meiner Klasse, die aber unbedingt alles richtig schreiben wollen – was ich ganz toll finde, weil ich das nie verlangt habe und auch nicht erwarte – und jedes zweite Wort buchstabiert haben wollen. Das war keine Uebertreibung. Ich hab mich sehr gefreut, als ich gemerkt habe, dass besonders auch die juengeren Kinder das Konzept (in welchen Nahrungsmitteln sich Vitamine befinden) gerafft haben, weil sie ploetzlich Fruechte aufgeschrieben haben, die nicht in der Abbildung gegeben waren. Das ist vielleicht nur eine Kleinigkeit, aber fuer mich bedeutet es viel, naemlich, dass sie verstehen und anwenden koennen, auch wenn sie nicht die Worte haben, um dem Ganzen Ausdruck zu verleihen. Wie auch immer.

Die Kinder, die schon fertig waren, habe ich zum Wassertrinken und Pause machen geschickt und dann begonnen, die naechste Einheit auf dem Boden vorzubereiten. Matten hinlegen, das mitgebrachte Essen in zwei Haufen aufschichten, grosse Din-A1 Plakate mit den Umrissen der Foodpyramide auslegen. Dann sollten die Kinder in zwei Gruppen (2. und 3./4. Klasse) arbeiten und das Essen in die richtigen Felder legen, ohne auf dem Arbeitsblatt nachzuschauen. Das ging sehr gut und hat ihnen grossartig gefallen. Zur Freude der juengeren hatten beide Gruppen jeweils einen Fehler, also waren sie den Groesseren nicht unterlegen. Das ist eine Schwierigkeit manchmal, dass die juengeren Kinder grundsaetzlich weniger koennen und oft das Gefuehl haben, weniger „gut“ zu sein. Danach sollten die Kinder das Essen malen (in die richtigen Felder), die Felder beschriften, alles kuenstlerisch gestalten, mit Ueberschrift und Datum, wie sich das gehoert. Spaetestens, wenn die Kinder kreativ werden koennen, ist es eine pure Freude, ihnen zuzuschauen und ihren Sinn fuer Details, Schoenheit, Farbenfrohheit und ihre Vorliebe fuer phantasievolle Muster zu bewundern. Die Ergebnisse sind dementsprechend.

Vor der Mittagspause gibt es die „assembly“, in der alle Kinder der Schule zusammen kommen und normalerweise zusammen singen. Heute gab es eine Vorstellung des „Halloween“ Festivals in den USA durch die Lehrer. Danach 50 Minuten lunchbreak, in der die Kinder erst essen und dann Outdoor- oder Indoorgames spielen. Das reicht von Badminton ueber Kricket bis hin zu Schach und Ludo.

Nach der Pause ging es heute ausnahmsweise wieder mit einer längeren kreativen Arbeit weiter – es wurden Halloweenmasken gebastelt und die neuen Lehrer sollten die Gruppen leiten. Ich will nicht sagen, dass ich eine gute Lehrerin bin, aber gerade deshalb habe ich ein Auge fuer schlechte Lehrer :-) … Naja, sie sind neu und man will ihnen ja nicht sofort jegliches Lernvermögen absprechen. Ausserdem bin ich selbst nicht annähernd so gut, wie ich das gerne haette. Zum Glück ist das Training durch Priya ziemlich hilfreich. Während die Kinder bastelten, habe ich die letzten Wanddisplays abgenommen und durch die beiden Essenspyramiden ersetzt. Das ist eine andere Regel, die es gibt: Mindestens einmal pro Woche sollen die Kinder etwas „herstellen“, was dann nachher im Klassenraum ausgehängt wird und es soll natürlich immer kreativ gestaltet sein. Im Moment hängen neben den beiden neuen Grossgemälden Arbeiten aus dem Mathematikunterricht (Zahlen finden, das Ergebnis bunt anmalen) und dem Englischunterricht („Books we read“). Die Kinder sollen staendig mit dem in Beruehrung kommen, was sie an Schönem geschaffen haben, sie sollen ihr eigenes Werk entdecken koennen und auch das ihrer Mitschueler. Bis jetzt habe ich noch nie gehoert, dass ein Kind ueber das Werk eines anderen sagt: Das ist aber haesslich! Sondern die Kinder fragen sich gegenseitig, wer was gemacht hat und jedes Kind ist ganz stolz auf die eigene Leistung. Das ist schön zu sehen. Als die ersten Masken fertig worden, habe ich sie an einer langen Schnur im Klassenraum aufgehängt. Es ist schon bewundernswert, was Kinder können.

Nach dem etwas chaotischen und lauten (!) Aufräumen dauerte es etwas, bis die Kinder sich soweit beruhigt hatten, dass sie sich hingesetzt haben (wieder an die Tische) und mir zuhoeren konnten. Als ich die Hausaufgaben von gestern sehen wollte, haben sich alle total gefreut und sie mir sofort gezeigt, weil ausser zwei Kindern alle die Hausaufgaben gemacht haben. Kommt auch nicht immer vor, hat mich also auch sehr gefreut. Und die Kinder haben sich umso mehr ueber mein Lob gefreut. Strahlende Runde also. Zeit, um neue Hausaufgaben zu geben :-) Hihi. Hausaufgaben sind bei den Kindern übrigens sehr begehrt, besonders in Mathematik. Gibt es mal keine Hausaufgaben, weil ich vergessen habe, mir etwas auszudenken, kommen immer Beschwerden. Nicht der Eltern, wohlgemerkt. Die heutigen zwei Fragen: „In which food items can we find proteins?“ und „In which food items can we find carbohydrates?“ Als ich die erste Frage angeschrieben hatte, meinte ein Junge, dass wir die doch schon besprochen hätten und wurde sofort von anderen korrigiert. Auch das ein Lern-, weil Leseerfolg. Diesmal kamen die Antworten sehr schnell und sicher, von fast allen Kindern. Ich schreibe das mal der praktischen Übung mit dem Essen und der Foodpyramide und dem anschliessenden Malen zu.

Zur „Hausaufgabentheorie“: Hausaufgaben sollen moeglichst interessant gemacht sein, so dass die Kinder gerne Hausaufgaben machen. Okay, das ist bei meinen beiden Fragen nicht der Fall, dafuer war dieser Tag aber ueberaus kreativ gewesen. Dann soll es so sein, dass die Fragen bereits im Unterricht besprochen werden. Der Lehrer muss dafuer sorgen, dass jedes Kind die Frage verstanden hat und beantworten kann. Hat die Mehrzahl der Klasse die Hausaufgaben nicht gemacht (kam bei mir schon oefter vor), ist das ein Indiz dafuer, dass der Lehrer die Aufgabe nicht gut genug erklaert hat. Das finde ich grundsaetzlich sehr gut, dass die Schuld nie beim Kind, sondern zunaechst immer beim Erwachsenen gesucht wird. Falls man da von „Schuld“ sprechen will.

Normalerweise wird am Ende vom Schultag das Klassenzimmer von den Kindern aufgeraeumt und gefegt. Das laeuft bei meinen Kindern noch nicht so gut, das muss ich bald mal mit ihnen nochmals besprechen. Auch hier geht niemand davon aus, dass die Kinder zu faul sind, aufzuraeumen oder es einfach nicht wollen, sondern im Gegenteil, es wird angenommen, dass sie gerne aufräumen und dass ihnen nur die richtigen Techniken fehlen, das schnell und zu ihrer Zufriedenheit zu machen. Deshalb gibt es dann bald eine Aufräumlehrstunde, in denen wir gemeinsam besprechen, wie man das Klassenzimmer sauber halten könnte. Da darf auch ruhig mal eine Stunde Zeit für drauf gehen.

Ja. Das war mein Tag im Grossen und Ganzen. Aufgeschrieben sieht das viel aus, aber es fehlen noch ganz viele Kleinigkeiten, die ich weggelassen habe, die aber relativ wichtig sind aus dem paedagogischen Blinkwinkel. Oh mann, sogar mein Ausdruck ist jetzt ganz schoen schlecht, ich sollte aufhoeren. Ich hoffe, es ist niemand gelangweilt. Ich hoffe im Besonderen, dass die Christine nicht gelangweilt ist!

*Das ist voellig off-topic, aber als ich dieses Wort geschrieben habe, habe ich „vertrauert“ geschrieben und das falsche Wort nur durch Zufall entdeckt. Musste mich auslachen.

Gone.

Die Nadine ist weg und auch der Beitrag, den ich gerade anlaesslich ihres Verschwindens geschrieben hatte. Grossartig. Im Grossen und Ganzen ging es darum, weswegen ich sie nicht vermissen werde. Hier die Hauptpunkte meiner 37 Seiten langen Ausfuehrung (die jetzt geloescht ist):

1. Sie will wieder kommen naechstes Jahr.

2. Ich komme naechste Woche nach Deutschland und bin ihr einen weiteren Monat ausgesetzt.

3. Sie hat meine Kamera mitgenommen.

4. Sie hat mich nicht einmal in Betawar besucht.

5. Ich kann jetzt auf ihrer Matratze schlafen. Fussboden ade.

Ich glaube das war’s, so hauptsaechlich. Nadine, nicht dass du jetzt denkst, ich waere froh, dass du weg bist! Aus folgenden fuenf Gruenden ist das nicht der Fall:

1. Ohne die Nadine waere ich 3,8 kilo leichter, weil ich niemals in so vielen Restaurants gegessen haette.

2. Ohne die Nadine waere ich obdachlos, weil sie meine Miete bezaehlt hat.

3. Ohne die Nadine haette ich nie den Priyankar kennen gelernt und damit auch nicht die Moeglichkeit, hier zu studieren.

4. Ohne die Nadine wuesste ich nicht, wieviel Leid es auf dieser Welt gibt. Grey’s Anatomy.

5. Ohne die Nadine haette ich jetzt keine Matratze, auf der ich schlafen koennte.

Ich hoffe sehr, dass Nadines Flugzeug nicht abstuerzt. Denn ich bin uebernaechsten Samstag bei ihren Eltern zum Essen eingeladen, ihre Mom will kochen and as far as I heard kann sie das wunderbar.

Alles neu.

Gerade fuehle ich mich, als ob sich mein Leben wieder einmal aendert, aber nicht in eine voellig andere Richtung, sondern entsprechend meinen Plaenen. Kommt ja nicht so oft vor. Ich kann ab dem naechsten Sommer an der Banares Hindu University studieren und in zwei Jahren meinen Master of Peace Studies machen. Sollte die Christine nach einem Jahr ein Kind kriegen und ich muesste sofort nach Deutschland reisen um ihr dabei zu helfen, haette ich immerhin ein Diploma der Universitaet. Kann also auch nicht allzuviel schief gehen. Das tolle: es ist viel billiger als mein Fernstudium, das ich mir nicht mehr leisten kann und kostet 200 euro im Jahr. Mal schauen, wo ich die herbekomme. Da Nadine bei dem Professor gearbeitet hat, habe ich ihn auch gleich kennen gelernt und er hat mir das angeboten. An dieser Uni wird nach dem 10+2+3 System gerechnet, das heisst ich brauche 12 Jahre Schule und min. drei Jahre Universitaet mit einer Abschlusspruefung. Das wiederum bedeutet: Meine Zwischenpruefungsergebnisse zaehlen. Wuerde ich jetzt in Deutschland studieren, muesste ich noch mal einen Bachelor machen, weil mein alter Studiengang abgeschafft wurde. Entwickelt sich alles prima hier.

Vielleicht fange ich schon etwas eher an der Uni an, ich vermisse einfach das regelmaessige Denken und Lesen. Falls es sich ergibt, werde ich ab Dezember nur noch fuenf Tage in der Schule arbeiten und einen Tag in der Woche an der Uni sein und dort fuer das Peace Study Institute ein Research Project machen. Faende ich gut.

Bin gerade am Vorbereiten meines Deutschlandaufenthaltes. Es gibt so viel, was ich planen muss. Angefangen von meinen Arztbesuchen, ueber Aufenthalte in Thueringen bis hin zu den Unterrichtsplanungen fuer die Zeit, die ich hier ausfalle. Wird leider nicht nur Urlaub in Deutschland, muss mich um mein Visum kuemmern und Hindi lernen. Ersteres koennte kompliziert werden und letzteres ist es. Wird schon.

So, das war ein kurzer Abriss meiner derzeitigen Plaene. Freu mich schon auf das Scheitern derselben :-)

Heute faehrt die Nadine mit einem Zug nach Delhi und von dort aus fliegt sie in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Bringe sie nachher zum Zug und werde sie nicht vermissen! Ha! (Wer Boeses ahnt: ich sehe sie in Berlin. Wer haette das gedacht.)

Ausserdem bin ich erkaeltet, weil es hier langsam kaelter wird und ich trotz Obst und Vitamintabletten damit offensichtlich nicht klar komme. Ist jetzt deutscher Hochsommer hier. Zu kalt, um auf dem Marmorfussboden zu schlafen…

Wenn die Sonne untergeht…

wird es dunkel. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen. Waren heute mit der Amigruppe auf einem Boot am Ganges unterwegs. Und es war mir sehr unangenehm und peinlich – ich kam mir vor wie eine Touristin! Und ich frage mich, wieso sich das so schlecht anfuehlt. Wieso fuehle ich mich Nicht-Touristen ueberlegen? Es ist auch in Berlin so, dass wir uns manchmal ueber Touris lustig machen und uns selbst gut fuehlen, weil wir dazugehoeren. Varanasi wiederum wird mittlerweile so ueberschwemmt von Touristen aus aller Herren Laender, dass es unter Reisenden nichts mehr Besonderes ist, hier gewesen zu sein. Bin ich wirklich so oberflaechlich und normal, dass ich durch mein Leben hier und das damit einhergehende Sich-ueberlegen-fuehlen mein Selbstbewusstsein aufpoliere? Offensichtlich schon. Grossartig.

Vielleicht ist es auch eher so, dass ich mir selbst versichern muss, dass es sinnvoll und richtig ist, hier zu sein. Immerhin leben wir in einer Zeit der Bastelbiographie, in der das Individuum nicht nur freigesetzt ist, seine Identitaet selbst zu waehlen, sondern dazu gezwungen wird. Und Identitaetsfindung ist in fast allen Kulturen und Gesellschaftsschichten eng verbunden mit der Abgrenzung von einer bestimmten Gruppe im Wechselspiel mit der Zugehoerigkeit zu einer anderen Gruppe. Wer kann einem Menschen dann ein paar schlechte Gedanken ueber andere offensichtlich (!) duemmere Menschen veruebeln, wenn sie doch dazu fuehren, das eigene Leben auf die Reihe zu kriegen? Dank an Herrn Beck fuer die Rettung meiner Integritaet. Trotzdem schaeme ich mich, dass ich solche niederen Gedanken denke. Hier die oeffentliche Busse.

Zu meiner Verteidigung: Ich bin nicht die Einzige. (Das ist eine gute Verteidigung!) Menschen, die fuer ein oder zwei Monate rumreisen, regen sich ueber die Pauschaltouris auf, die eine Zwei-Wochen-Staedte-Rundreise machen. Menschen, die seit Jahren auf unserer Mutter Erde herumtrampeln, erheben sich ueber die Moechtegern-Abenteurer, die nur mal in ihren Semesterferien ins Ausland fliegen. Spirituell begabte Menschen verlieren ihre mystische Ruhe wenn es gilt, ueber junge, dynamische Maenner auf ihrer Treckingreise zu laestern. Und dann gibt es die Beinahe-Mutter-Theresas wie mich, die peinlich beruehrt sind, wenn sie mit einer Studiengruppe in der Oeffentlichkeit gesehen werden, weil sie fuer eine von ihnen gehalten werden. Aber was koennen behuetete Amis denn dafuer, wenn sie in solch idyllischen Familien aufgewachsen sind, in der eine ueberwachte und organisierte Studienreise schon als Ausflug in die exotische Unterwelt gilt?

Als wir in der Naehe vom Meer Ghat waren, bin ich einem Jungen und einem Maedchen in einem Boot begegnet, die mich offensichtlich kannten und mit „Kati Jhi“ begruessten. Mit einem Schlag war meine Reputation wieder hergestellt. Mich kennen Eingeborene aus Varanasi, gruessen mich respektvoll und zeigen damit: ICH BIN EIN GUTER MENSCH, DENN ICH GEHOERE DAZU.

Armut

Nachdem ich vorgestern ueber die Armut auf dem Weg nach Sarnath geschrieben habe, hab ich noch laenger darueber nachgedacht. Ich frage mich, ob man sich wirklich an Armut gewoehnen kann, bzw. inwiefern man das selbst beeinflussen kann, ob man sich daran gewoehnen moechte. Es gibt ja viele Leute, besonders unter den Indienfahrern, die sich obviously sehr schnell an die Armut gewoehnen und denen es leicht faellt, Bettlern aus was auch immer fuer Gruenden nichts zu geben. Manchmal fahre ich auf einer Fahrradriksha und verschwende keinen Gedanken daran, dass der Typ vor mir sich abstrampelt und ich mich trotzdem ueber die Hitze aufrege. Manchmal kann ich mich sehr gut aufregen ueber jemanden, der mich mal wieder bescheissen will, nur weil ich reicher aussehe und bin, und es ist mir dann voellig egal, 0b er am Abend genug Geld haben wird, um seine Familie ernaehren und seine Kinder in die Schule schicken zu koennen.

Tatsache ist, dass ich nicht allen Menschen helfen kann. Wieso auch? Das was uns in Deutschland als Armut erscheint, ist Armut nur in einem relativen Sinn. Und wenn es relativ ist, kann man die Grenze fuer „wirkliche“ Armut natuerlich beliebig weit nach unten verschieben. Das passiert hier auch. Selbst Dalits sind unterteilt in verschiedene hierarchisch geordnete Unterkasten und empfinden sich meist bei weitem nicht als die Untersten und Aermsten ihrer Gesellschaft, es laesst sich immer jemand finden, den es noch schlechter getroffen hat. Fuer mich ist das sehr bequem, auch ich denke anders ueber Armut als vor noch einem Jahr. Und die meisten in Deutschland wiederum wuerden mich wohl fuer arm halten – kein Tisch oder Stuhl in der Wohnung, auf dem harten Boden schlafend, auch im Winter kein warmes Wasser, Waesche muss mit der Hand gewaschen werden.

Andere als „arm“ zu bezeichnen, ist auch eine Art der Selbstueberschaetzung und Ausgrenzung, denn mit „arm“ meinen wir zwar vorwiegend einen Mangel an materiellen Guetern, aber implizit ist der Mangel an Bildung und/oder Erfolg und eigentlich ein Werturteil mit enthalten. Indem ich einen anderen als arm ausgrenzen kann, gehoere ich sofort zu der nicht-armen Gruppe und bin armen Menschen vielfach ueberlegen. Das klingt vielleicht krass und ich vermute, viele Leute wuerden da widersprechen, aber wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, kann ich dieses Gefuehl nachempfinden. Ich bin sehr sehr gluecklich, dass ich nicht so arm bin wie andere und ich weiss, dass ich auch niemals so arm sein koennte, weil ich viel mehr weiss und kann. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass erst die Bezeichnung eines anderen als „arm“ ihn wirklich ausgrenzt, ob nun positiv oder negativ.

Warum gilt es eigentlich als moralisch „besser“, armen Kindern zu helfen? Koennen reiche Kinder etwas fuer ihre Eltern? Ist es nicht eher so, dass reichen Kindern trotz ihrer materiellen Fuelle meist das fehlt, was sie zu (wie auch immer man das jetzt wieder interpretieren moechte) guten Menschen machen koennte, naemlich Empathie?

Warum tut es dann manchmal doch so weh, Familien in ihrer Armut zu sehen, die fuer sie so alltaeglich ist, und die sie gar nicht als so besonders oder dramatisch empfinden? Warum empfinde ich Mitleid mit diesen Menschen? Weil es so anders ist als mein gewohntes Leben? Und wenn ich das schon empfinde: Warum denke ich dann trotzdem keine Sekunde daran, mein Leben fuer diese Menschen zu opfern und ihnen zu helfen? Ich koennte jeden Tag den weiten Weg nach Sarnath fahren, die Kinder unterrichten und den Muettern etwas zu Essen fuer die Familie vorbeibringen. Aber ich tue es nicht und ich habe auch nur selten ein schlechtes Gewissen dabei. Auch weil ich weiss, dass das nicht funktionieren wuerde. Man kann nicht als Aussenseiter in eine Community kommen und alles umkrempeln wollen, auch wenn es nur zum angeblich Besten ist (vielleicht ist das ja eine Ausrede? Bestimmt sogar).

Das beruehrt einen wunden Punkt der Entwicklungshilfe der vergangenen Jahrzehnte. Wuerden die armen Menschen dieser Welt sich selbst genauso sehen, wie wir sie sehen, wuerden sie sich bestimmt sehr anstrengen, all unser Geld zur Zufriedenheit aller auszugeben. Aber wenn ich als Mutter von vier Kindern und einem Alkohol trinkenden Mann nur den heutigen Tag mit seinen tausenden Problemen und der mir ueber den Kopf wachsenden Arbeit sehe, ist es kein Wunder, wenn ich den Weissen, der kommt um mir zu helfen, nicht als Mensch mit Liebe zu Menschen sehe, sondern als reichen Deppen der keine Ahnung hat, den ich mit meiner Armut beeindrucken muss, um moeglichst viel Geld rauszuschinden. Alles andere waere dumm… Ich arbeite schon seit Monaten daran, dass die Kinder aus meiner alten Schule mich nicht als Geldmaschine, sondern als Freundin betrachten und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das gelungen ist.

Jetzt hoere ich auf. Viele meiner Gedankengaenge sind noch nicht mal halb entwickelt, geschweige denn bis zum Ende durchgedacht, aber ich schreibe sie trotzdem auf, damit ihr ahnen koennt, was ich manchmal denke.

2 x Sarnath

Sarnath ist eine kleine Stadt 7 km noerdlich von Varanasi. Auf dem Weg dorthin sieht man ganz viel krasse Armut, ueber die ich am liebsten gar nicht nachdenken moechte, bei der ich mich aber zwinge, ganz genau hinzuschauen. Dorthin ist Buddha gelaufen, nachdem er in Bodhgaya erleuchtet wurde, um seine erste Predigt zu halten. Das hat er dann auch gemacht, unter einem Baum in einem Rehpark vor fuenf Moenchen, quasi seinen ersten Juengern. In den letzten hundert Jahren haben so einige asiatische Laender wie Thailand oder China grosse Tempelanlagen dort in die Naehe gebaut und es gibt viele buddhistische Kloester und Institute. Und viel Eiskrem, einen Zoo mit Krokodilen, Restaurants und Leute, die Knabbereien verkaufen. Leider keine Zuckerwatte. Am Sonntag sind Nadine und ich mit 7 Kindern (fuer die, die’s interessiert: Asha, Sunita, Chanda, Pradip, Rakesh, Rahul, Akash) mit zwei Autorikshas dorthin gefahren und haben den (Nach-)Mittag laufend und essend verbracht. Oh, da faellt mir ein: In Sarnath gibt es auch eine sehr alte Tempelanlage (hunderte von Jahre vor unserem HERRN erbaut), die vor allem deshalb so beruehmt ist, weil der Herrscher Ashok (3. Jhr. vor unserem HERRN) dort eine seiner beruehmten Gesetzessaeulen, die ueber 15 m hoch sind, hinterlassen hat mit Anweisungen an die Moenche. Fuer so einige Erkenntnisse aus dieser Zeit sind die Inschriften auf dieser Saeule die einzige Quelle. Von der nicht mehr so viel uebrig ist. Der geschichtliche Kram hat die Kinder nicht so interessiert, die Tempel allerdings schon und sie haben Buddha mindestens genauso viel Respekt erwiesen wie ihren hinduistischen Goettern. Das ist schon verblueffend, welcher Christ wuerde sich vor Mohammed verbeugen? Wir waren dann noch im Zoo, wo die Kinder ganz fasziniert von allen Tieren waren, auch wenn es nicht so viele gab. Keine Elephanten und Delphine zumindest, womit sie fest gerechnet hatten (aus einem mir unerfindlichen Grund). Gegessen haben wir Chowmin, Aepfel, Eis und einen Chai getrunken haben wir dann natuerlich auch noch. Nadine und ich waren ziemlich fertig nach diesem Tag. Er war schoen.

Gestern war ich mit der Amigruppe wieder in Sarnath. Im Gegensatz zu den Kindern sind die Amis dazu verpflichtet, Interesse an der Geschichte zu zeigen. Wir haben nicht nur das oertliche Museum mit tausend  Jahre alten Statuen angeschaut, sondern auch „Ashokas Pillar“ (eben jene Saeule). Danach waren wir in einem tibetischen Lehrinstitut und haben einen Vortrag von einem der Chefs dort angehoert. Leider war der Mann nicht so an aktueller Politik interessiert, zu Myanmar konnte er nicht so viel sagen, ausser, dass er glaubt, dass China dahinter steckt und sie mit den Leuten mitleiden. War trotzdem nett. Dann noch, weil der Moench so gerne geredet hat und es dadurch schon sehr spaet war, schnell den chinesischen Tempel angeschaut und zurueck gings. Der Tag mit den Kindern war schoener.

Meine Freunde.

Ich habe die besten Freunde die man sich wuenschen kann. Schoen, angesehen, erfolgreich. Zum Beispiel Sunil: Ein Verkaeufer am Meer Ghat. Er verkauft haessliche Seidenschals und Hosen, die auch nur anzuschauen sich jeder mit Geschmack begabte Mensch schaemen muesste, an Touristen. Vornehmlich weibliche Touristen, denn er liebt westliche Frauen, bzw. ihr Aeusseres. Meins nicht, wohlgemerkt. Nadines schon :-) Wie auch immer, jetzt sitzt er im Gefaengnis. Angeblicher Drogenschmuggel. Jemand hat in seinem Laden hinter dem Kuehlschrank Drogen versteckt und die Polizei gerufen. Anil, einer seiner Neffen, war im Laden und hat gesehen, dass die Polizei noch nicht einmal versucht hat, zu „suchen“, sondern sofort hinter den Kuehlschrank gegriffen hat. Sunil, der Besitzer des Hauses sowie dessen Vater wurden sofort verhaftet. Letztere konnten sich fuer je 75000 rupees (1500 euro) freikaufen, Sunil sitzt noch. In der Anklageschrift heisst es, Sunil habe auf der Strasse gedealt. Das ist nicht nur hoechst unwahrscheinlich, sondern auch daemlich. In Varanasi dealt niemand auf der Strasse, dort werden hoechstens Leute angesprochen. Das wiederum nicht allzu selten. Aber diese Aktion mit „Drogen verstecken und die Polizei anrufen“ ist ein sehr uebliches Manoever hier von Menschen, die anderen Menschen schaden wollen, habe schon oefters davon gehoert. Da aber nur Bekannte und Freunde von Sunil im Laden sind, hiesse das, dass es jemand war, den er kennt. Alles sehr strange und ich weiss auch nicht, wieviel ich der Familie glauben kann, denn Sunil ist bestimmt kein Unschuldsengel. Allerdings ist ein faires Verfahren, das er in jedem Falle verdient haette, sehr unwahrscheinlich, da es offensichtlich in erster Linie um Schmiergeld geht. Wenn er das nicht zahlt, muss er fuer die naechsten drei vier Monate im Gefaengnis sein. Was scheinbar auch nicht so schlimm ist, weil er laut Anil mehr als ausreichend Essen bekommt. Und er haette das Geld auch, aber ich vermute, er will sein Gespartes nicht dafuer ausgeben und denkt sich, er sitzt es lieber aus. Und nun bitte ich euch, mir all euer Geld zu ueberweisen, damit ich Sunil helfen kann!! Hihi. Scherz (obviously). Werden ihn am Sonntag besuchen gehen. Oder am Samstag oder am Montag oder wann auch immer. Am Dienstag, 23.10., ist seine Verhandlung. Dummerweise ist da auch Nadines Geburtstag und letzter Tag in Varanasi, der schon verplant ist. Und es ist very likely, dass die Verhandlung verschoben wird. Mal sehen, wie wir das regeln. Ich komme scheinbar einfach nicht los von Menschen, die Probleme mit der Polizei hier haben. Vielleicht ist auch die Polizei das Problem. Man weiss es nicht. Jetzt muss ich essen gehen.

„Ferien“

Seit gestern ist die Schule geschlossen, es sind Ferien, weil einige bedeutende Festlichkeiten anfallen. Zum einen die Durgapuja. Als die Goettin Durga verheiratet wurde, zog sie zu den Eltern ihres Mannes. Einmal pro Jahr ging sie jedoch fuer 10 Tage zurueck in ihr Elternhaus. Diese Zeit bricht heute oder gestern oder morgen (irgendwie gibt es dazu unterschiedliche Auffassungen) an und gemaess der Tradition besuchen viele indische verheiratete Frauen ihre Elternhaeuser. Dort wird gefastet und gefeiert, abwechselnd und je nach Familie mit unterschiedlicher Betonung des Fastens oder Feierns. Am 10. Tag dann gibt es ein grosses Fest und aus allen Varanasi umgebenden Doerfern und natuerlich auch aus Varanasi selbst werden buntbemalte Durgastatuen aus Ton und Stroh an den Ganges gefahren und ins Wasser geschmissen. Als ich ein paar Lehrer an meiner Schule fragte, an welchem Tag die Statuen in Wasser geschmissen wuerden, fingen sie alle an zu lachen, denn fuer sie ist das ein hochheiliger und bedeutender Akt, den sie nie in solch profanen Worten umschreiben wuerden. Am Sonntag ist auch das Ende des Ramaddan. Und es gibt immer noch „Ramlila“, das ist ein oertliches Theaterfestival, bei dem an verschiedenen Punkten in Varanasi die Geschichte Rams nachgespielt wird. Auch das ein heiliger Akt. Die Theatergruppe von Nirman (so heisst der Verein, zu dem meine Schule gehoert) hat einigen Verantwortlichen des Ramlila ihre moderne Version, meiner Meinung nach harmlos, vorgefuehrt – die „Experten“ waren entruestet und warfen der Gruppe vor, den Ramayadan zu verhoehnen und damit ihre eigene Identitaet als Inder…und noch vieles mehr. Beruhigend zu wissen, dass es auch hier Menschen gibt, die den alten Glauben hochhalten und ihn nicht verarscht sehen wollen.

Jetzt sind also Ferien, aber nur fuer die Schueler. Seit gestern sind eine Gruppe US-Amerikaner da, die eine mehrmonatige Studienreise nach Indien machen und auch zwei Wochen auf unserem Campus sind. Great. Jetzt machen sie grade Yoga. Und allen Lehrern wurde der Urlaub verwehrt, statt dessen muessen wir uns um die Amis kuemmern und irgendwelche Veranstaltungen vorbereiten. So entsteht Anti-US-Amerikanismus. Ich zum Beispiel ein Konzert, das morgen abend stattfindet. Klassische indische Musik. Bin fuer die Buehne zustaendig und umgeben mit Inkompetenz. Was mir auffaellt: Mit den Leuten, die zum non-teaching-staff gehoeren, komme ich viel besser klar als mit den Lehrern (except for Priya), especially when it comes to knowledge. Der Carpenter hier weiss, wie er ne Buehne aufbauen muss, der Lehrer weiss das nicht. Von beidem gehe ich aus. Aber warum muss mir der LEHRER dann erzaehlen, wie Buehnenaufbau angeblich funktioniert? Besonders die maennlichen Lehrer befinden sich staendig in Situationen, wo sie augenscheinlich das Gefuehl haben, sich profilieren zu muessen, um zu zeigen, dass sie Herren der Lage sind. Ich vermute, dass ihnen das normalerweise auch gelingt, und dass sie die Menschen (Frauen) in ihrer Umgebung mit ihrem Von-sich-selbst-ueberzeugt-sein (um das Wort „Selbstbewusstsein“ zu vermeiden) gut taeuschen koennen. Mir geht das total auf die Nerven, vor allem, wenn dadurch aus einer in fuenf Minuten zu regelnden Kleinigkeit ein halbstuendiges anstrengendes „Gespraech“ wird, dass diesen Namen nicht verdient hat. Noch mal zum Unterschied zwischen hoeherrangigen Angestellten und niedrigrangigen Angestellten. Letztere sind sehr freundlich und zuvorkommend zu mir. Nicht auf eine offensichtliche Weise mit vielem Laecheln und vielen Worten, aber an vielen Kleinigkeiten merke ich, dass sie mich zu schaetzen wissen (warum auch immer). Und ich bin freundlich zu ihnen und wir reden sogar manchmal was auf Hindi, und sie freuen sich ueber mein schlechtes Hindi, das immerhin besser ist als ihr nichtvorhandenes Englisch. Wenn ich etwas brauche oder will, dass sie etwas tun, dann machen sie das immer sofort, obwohl sie wissen, glaube ich, dass ich eigentlich keine „Macht“ habe. „Immer“ ist in diesem Zusammenhang keine Uebertreibung. Aber sie haben eine sehr positive Arbeitseinstellung. Nicht, dass sich hier irgendjemand ausser Priya ueberarbeiten wuerde :-) Beispiel Fasten: Manchmal gibt es groessere Fasten, wo die Frauen ueber mehrere Tage nicht essen und manchmal auch nichts trinken. Oftmal kommen die Lehrerinnen dann einfach nicht, geben vorher nicht Bescheid, sondern rufen nur am entsprechenden Tag kurz an, mit der Entschuldigung, dass sie so schwach sind wegen des Fastens. Die Kuechen- und Putzfrauen, die auch sehr traditionell leben und glauben (hinduistisch), haben eine Art „Kette“ eingerichtet. Jede der drei oder vier Frauen war fuer mehrere Stunden da, hat ihre Arbeit in etwas weniger umfassender Form verrichtet und ist wieder heimgegangen. Alles lief reibunglos. Waehrenddessen mussten in der Schule einige Klassen zusammengelegt werden und schnell alles umgeplant werden, weil Lehrerinnen ploetzlich nicht auftauchten. Das fand ich bezeichnend fuer eine Art der Arroganz oder Gleichgueltigkeit, die ich nur bei den Lehrern finde. Muss ich darauf aufmerksam machen, dass die Lehrer alle besser gebildet sind und aus wohlhabenderen Familien stammen?

Als wir gestern dieses Meeting wegen Parampara (Konzert morgen) hatten, wurde festgelegt, dass Vijay fuer den Sound verantwortlich ist, er war auch bei dem Meeting und damit einverstanden. Drei Stunden spaeter beim Mittagessen erklaert er mir, dass er jetzt wegfaehrt und erst in 9 Tagen wieder kommt. Total krass, oder? Priya war echt sauer. Aber sie kann kaum etwas machen, weil es so schwer ist, gute Lehrer zu finden und das eher ein schlechter Grund, jemanden zu feuern.

Oh, noch etwas kleines. Ich habe ein Kompliment bekommen (es war wider Erwarten ernst gemeint) – ich saehe aus wie Mahatma Ghandi.

Sex.

Wir haben vor zwei Tagen eben jenen Shiva Dunna getroffen und das Treffen lief unseren Erwartungen entsprechend. Eigentlich stehen ja die Maenner hier grundsaetzlich mehr auf Nadine, aber dieser junge Mann mochte mich offensichtlich und setzte zu einem dieser typisch umwerfenden Anmachen an, die alle dummen und/oder unsicheren Maenner dieser Welt beherrschen: Als die Kati so unvorsichtig war, ihren Oberkoerper in einem Winkel von beinahe schon 65 Grad ueber das Balkongitter zu beugen, eilte der Held sofort zur Stelle. Er fasste sie am Oberarm – nur zur Sicherheit – und als die Kati sich zurueckbeugte, liess er seine Hand ganz langsam den Arm hinabgleiten. Und zufaelligerweise endet Katis Arm an Katis Hand und da blieb dann auch des Retters Hand zufaellig liegen. Dass die gerettete Maid ihrem Prinzen die Hand entzog, kann nur Schuechternheit gewesen sein. Bloed, wenn man von solchen Maennern etwas braucht. Wie zum Beispiel ein Zimmer. Das haben wir jetzt.

Die Maenner in Indien, die wir bis jetzt kennen gelernt haben, kennen sich selbst nicht und haben auch keinerlei Kenntnis von Frauen. Geschweige denn westlichen Frauen. Sie haben geruechteweise (via Pornos und Musikvideos und Filmen) mitbekommen, dass letztere immer Sex wollen. Immerhin ziehen sie sich ja auch so an! Wie es ein Yogalehrer aus Varanasi treffend formuliert: Dann sind sie selbst schuld, wenn sie angestarrt werden. Stimmt. Westliche Frauen zaehlen uebrigens, sofern es eine wie auch immer geartete sexuelle Beziehung zu ihnen gibt, grundsaetzlich nicht wirklich als ernsthafte Beziehung mit Aussicht auf Heirat und Kinder. Ein indischer Bekannter von mir flirtet mit jeder westlichen Frau und sahnt auch ein paar Telefonnummern ab, aber war fix und fertig (geradezu erzuernt!), als seine indische Freundin mit einem anderen Mann Essen war. Da „Aufklaerung“, wenn ueberhaupt, dann auch nur durch die oben in Klammern genannten Medien erfolgt, kann man sich denken, was das fuer Folgen fuer ein – unbedingt verehelichtes – Verhaeltnis mit einer voellig unaufgeklaerten indischen Frau haben muss. Oh. Natuerlich schauen nur die Maenner Pornos, falls das hier noch extra Erwaehnung finden muss. Schon allein auf Grund von Mobilitaet – Frauen duerfen in vielen Gesellschaftsschichten (ich rede uebrigens immer nur von Varanasi mit ihrer „typisch indischen“ Gesellschaftsstruktur) nicht alleine unterwegs sein, geschweige denn alleine sein in einem Internetcafe, dass Seitenwaende hat um Pornoseiten anzuschauen. Dass die Pornoindustrie boomt, bilde ich mir nicht ein, man braucht nur mal die „history“ der aufgerufenen Seiten zu verfolgen. Und Pornos gibt es in fast jedem Geschaeft, das Videos verkauft, sie sind illegal und sehr billig. Nicht nur, was den Preis betrifft. So sieht es aus im Indien von Buddha und Ghandi.

Ich schwanke, wer mir mehr Leid tut, die Frauen oder die Maenner. Ich kenne keine indische Frau (persoenlich), die ein auch nur annaehernd „erfuellend“ zu nennendes Sexualleben hat. Nicht, dass da wirklich jemand mit mir drueber reden wuerde, aber Andeutungen werden auch hier gerne gemacht, ohne natuerlich boese Woerter wie „Sex“ oder aehnliches in den Mund zu nehmen. Mittlerweile bevorzuge ich den Ausdruck „make babies“. Trifft sicher zumindest den Grund, weswegen Frauen nach der ersten Verliebtheit und der folgenden Enttaeuschung noch ihren Mann an sich ranlassen. Denn fuer Nachwuchs muss gesorgt sein, keine Frage.

Auch die Orte, an denen Sex gemacht wird (bzw. werden kann), lassen nicht darauf schliessen, dass wirklich viel oder Interessantes passiert. Das Leben laeuft hier bekanntermassen auf viel engerem Raum ab. Auch in nicht armen Familien wohnen schnell mal fuenf Personen aus drei Generation in zwei Zimmern. Und das ist noch wenig. Dass da kaum Platz ist fuer Privatssphaere, ist verstaendlich, und alle schmutzigen Dinge muessen auf die Nacht verschoben werden, wenn die anderen Familienmitglieder hoffentlich schlafen. Dann ist es dunkel (ach!) und das hilft, so hab ich gehoert, nicht dabei, Vorurteile und Aengste abzubauen. Naja, und man muss leise sein, damit die anderen im selben Raum nicht aufwachen.

Waehrend der Sexualtrieb der Frauen gut sublimiert wird oder verkuemmert, ist es fuer die Maenner offensichtlich nicht so leicht, ihre boesen Triebe zu besiegen. Dann ist es natuerlich traurig, wenn nur das dreckige Klo mit Ausmassen von einem mal einem Meter uebrigbleibt, um zu masturbieren. Und auch das muss schnell und lautlos gehen, denn es faellt der Oma sofort auf, wenn jemand laenger als sonst und ueblich auf dem Klo benoetigt – das im Idealfall auch nur mit einem Vorhang vom Raum getrennt ist. Jetzt eine Frage: Kann man solch gebeutelten Maennern ohne Aussicht auf Erfuellung ihrer Sehnsuechte wirklich uebelnehmen, dass sie die so leicht zu habenden Frauen (die auf Grund ihrer Hautfarbe auch noch so leicht aus der Masse herausragen) anstarren und bei Gelegenheit auch anfassen? Ich sage „Nein“ und rufe die Frauen der westlichen Welt auf, sich zu engagieren fuer diese unzufriedenen und armen Maenner und ihnen zu helfen, in jeglicher Hinsicht! Welche Frau will schon um ihrer selbst willen begehrt werden und will als Person geachtet werden? Nicht zu reden erst von „Liebe“. Aber davon wiederum reden die Inder genug.

In indischen Frauenzeitschriften fuer die moderne urban lady wird staendig davon gesprochen, wie frei und unabhaengig die indische Frau heutzutage auch im Ausleben ihrer Sexualitaet ist. Man lese einschlaegige Ausgaben der Indian Cosmopolitan mit jeweils wenigstens einem groesseren Thema ueber Sex(ualitaet). Falls man Zugang zu indischen Zeitschriftenarchiven hat (Witz). Achja. Beeindruckend in dem Zusammenhang die ebenso grossartig aufgemachte Extraausgabe „Cosmopolitan Bride“. Damit Frau wieder weiss, was wirklich zaehlt im Leben, denn natuerlich ist der marriage day der wichtigste in ihrem Leben. Ich kann mich nicht erinnern, ob das auch für Maenner gilt. Aber die koennen ja nach der Heirat fremdgehen. So sind sie halt.

Nächste Seite »