Archiv für Juni 2008

Christine und ich an der Ostsee…

Wir waren ein Wochenende an der Ostsee. Bzw. in Güstrow. Wer noch nie da war: Nun ja, ihr müsst da unbedingt hin. Und dürft mich nicht erschießen, falls es euch nicht gefällt :-) Hatten ein Last-Minute-Angebot für ein Vier-Sterne-Hotel inklusive Eintritt in ein Saunabad und Frühstücksbuffett. Für 18 € pro Person!!! Sonntag kam dann auch endlich die Sonne raus. Wunderschön, die Ostsee, ihr Geruch und die seltsamen Geräusche, die sie die ganze Zeit macht. Noch etwas, das ich vermissen werde.

Mutterseelenallein.

Der Film: Habe gerade einen Film geschaut (der Titel des Artikels ist der Titel des Films, wer hätte das gedacht…). Eine Mutter erfährt, dass ihr Sohn verdächtigt wird, ein 12-jähriges Mädchen missbraucht, umgebracht und während ihres Todes onaniert zu haben. Der Sohn wird inhaftiert und im Gefängnis selbst vergewaltigt, von mehreren Männern. Als die Männer gehen, nimmt er einen Stuhl, schlägt den Fernseher ein und versucht sich mit den Scherben umzubringen. Gelingt ihm nicht, versetzt aber der Mutter einen weiteren Schock. Sie wiederum stößt durch den Anwalt ihres Sohnes auf Hinweise, dass der Sohn von ihrem Ex-Mann, seinem Schwiegervater missbraucht wurde. Ob das stimmt, ist auch zum Ende des Films unsicher. Schlussszene: Mutter und Sohn sitzen sich im Zimmer gegenüber, am Fenster neben dem Tisch steht der Anwalt. Die Mutter fragt den Jungen aus (der Junge ist übrigens ein Mann von ca. 32 Jahren) und der fängt langsam an, zu reden. Wie er das Mädchen kennen gelernt hat, was sie zusammen gespielt haben, wie sie ihn (!) das erste Mal geküsst hat, wie sie ihn (!) nackt malen wollte. Und wie er sie dann umgestoßen hat, aus Versehen, weil sie nicht seinen Penis anfassen wollte. Als die Mutter erwidert: „Ihr Kopf wurde zerschmettert, Tommy“, rastet der Sohn aus und brüstet sich damit, wie gut er das kleine Mädchen verarscht habe und dass sie leiden musste und ihn das sehr freut. Er wird abgeführt, aber vorher geht die Mutter zu ihm, umarmt und küsst ihn und streichelt ihm immer wieder über Gesicht, Schultern und Brust. Der Anwalt steht immer noch einfach so da, man weiß nicht, was er fühlt. Dann geht der Sohn hinaus und der Film ist zu Ende.

Das Problem: Ich frage mich wirklich, wozu diese Filme gedreht werden. Sie stören mich, nicht durch ihren direkten Umgang mit dem Thema „sexueller Missbrauch“, sondern durch ihre Verarbeitung desselben. Meine Vermutung ist, dass „normalerweise“ Vergewaltigung und Missbrauch viel unspektakulärer ablaufen. Da gibt es keinen Mord am Ende, keinen lustvoll und rasenden Gestehenden, und das Opfer steht vor der eher mühsamen und weniger sensationellen Herausforderung, herauszufinden, wie Alltag wieder lebbar werden kann – oder zumindest erträglich. Und wird, da meistens völlig gefangen in den erfahrenen Beziehungsmustern und -strukturen, uninteressant. Die unzähligen abgebrochenen Psychotherapien, die unbeholfenen und verzweifelten Versuche, mit Männern einen normalen Umgang zu pflegen, nach außen hin gefasst zu wirken, das Sich-Vergraben in den eigenen vier Wänden, das erneute Scheitern und Hineinrutschen in eine negative Beziehung. Völlig uninteressant im Vergleich zum teuflischen Vergewaltiger…

Das Komplexe: Täter wiederum sind meines Erachtens in der Mehrzahl der Fälle keine Monster, die sich an jedem Kind aufgeilen und alle Kinder in ihrer Umgebung töten (dass immer noch die Mehrzahl der Missbräuche von Männern aus der Familie des Opfers begangen werden, ist sicher bekannt). Ich vermute, dass Täter meist „normale“ Menschen sind, normaler als wir das vielleicht gerne hätten – denn WIR sind doch die Normalen, sprich: die Guten. Oft gibt es einen langen Kampf des Täters gegen das eigene Verlangen, Kinder zur sexuellen Befriedigung zu benutzen, die wenigsten sind wirklich frei von Schuldgefühlen und viele versuchen, Mißbrauch wieder gut zu machen durch Geschenke oder andere Aufmerksamkeiten. Das Öffentlichmachen eines Mißbrauchs ist für den Täter nicht nur schlimm, weil er gebrandmarkt wird als Unmensch und ihm das Gefängnis droht, sondern auch, weil er sich selbst und dem Blick in das eigene Sein nicht mehr davon rennen kann.

Natürlich ist es schwierig, eine Antwort zu finden auf die Frage, inwiefern ein Mensch, der Kinder sexuell missbraucht, verantwortlich ist für das, was er tut. Um diese Frage geht es mir hier nicht, sie wird von vielen Wissenschaftlern kontrovers diskutiert und ich bin nicht kompetent genug, um dazu eine Meinung mit Erkenntnisgehalt beisteuern zu können. Aber mich interessiert, ob nicht durch die Dämonisierung von Tätern in der Gesellschaft ein Raum entsteht, in dem gerade diese Täter besser „arbeiten“ können. Denn was für sie hauptsächlich zählt, ist die möglichst perfekte Tarnung. Einem liebevollen Familienvater, der nach der Arbeit seine Freizeit für die Fertigstellung des Familienhauses opfert, im Kirchenvorstand ist und gemeinhin als prinzipientreuer Ehemann gilt, wird niemand unterstellen, dass er sein Kind missbrauche, selbst wenn es Anzeichen im Verhalten des Kindes gäbe. Natürlich sähe das anders aus, wenn der Mann von weitem schon als Vergewaltiger erkennbar wäre, vielleicht durch Kinderunterwäsche, die er immer mit sich herumträgt oder einem besonders kranken Blick.

Durch unsere Rezeption dessen, was normal sei und was als krank zu gelten habe (der Sohn im Film sah sehr krank aus, geistig und körperlich, man sah ihm an, dass er psychisch geschädigt ist und schuldig), übersehen wir den normalen Täter. Der meist eine eigene Familie hat, die möglicherweise (in vielen Fällen ist das so) den Missbrauch deckt, bewusst oder unbewusst. Mütter stellen sich sehr oft auf die Seite des Täters, auch wenn ihre eigenen Kinder die Missbrauchsopfer waren. Der Täter wiederum wurde vielleicht selbst missbraucht. Er ist vielleicht in einer Ehe gefangen, in der „Sex“ ein unausgesprochenes Tabuwort ist, die entsprechende Handlung nur selten ausgeführt wird. Vielleicht hat er allen Ernstes gehofft, dass das Kind zu klein ist, mitzubekommen, was da passiert.

Das Ambivalente: Was ich schreibe, klingt vielleicht nach einer Verteidigung der Täter bzw. der Tat. Ist so nicht gemeint und eigentlich finde ich es schade, dass ich das Gefühl habe, es betonen bzw. mich rechtfertigen zu müssen. Auf fast allen Teenie- oder Jugendfreizeiten, bei denen ich mitgearbeitet habe, gab es mindestens ein Mädchen, das sexuell missbraucht wurde. In der Kindertagesstätte in Odessa (Ukraine), in der ich gearbeitet habe, bestand bei einigen Mädchen der Verdacht, dass sie von ihren Vätern bzw. Stiefvätern missbraucht wurden. In meiner Klasse in Betawar hatte ich bei zwei von den drei Mädchen meiner Klasse den Verdacht, dass sie sexuell missbraucht werden. In meiner neuen Schule (Basic Human Needs) gibt es einige Kinder, auch Jungs natürlich, die oft von Unbekannten – da sie auf der Straße leben – vergewaltigt wurden oder auf Grund von Missbrauchserfahrungen von zu Hause geflüchtet sind. Ich habe das Gefühl, dass Missbrauch nicht nur keine Seltenheit ist, sondern völlig NORMAL ist. Und deshalb nicht weniger verwerflich, nicht weniger schrecklich.

Das Schlimme: Dass es tatsächlich MENSCHEN sind, die Kinder quälen.

Hirnforschung, die moderne

Ich frage mich, warum sich die Montessori Pädagogik so selten empirischer Forschungsarbeiten der Hirnforschung oder der Psychologie bedient. Als Maria Montessori gearbeitet und gelehrt hat, war die wissenschaftliche Empirie in ihren Anfängen und Läsionsstudien oder gar das nichtinvasive Studium des Gehirns gerade einmal im Entstehen begriffen. Wenn ich aber aktuelle Arbeiten über Maria Montessori lese, klingen sie in meinen Ohren so wissenschaftlich wie vor 80 Jahren. Allenfalls findet sich ab und an der Hinweis, die moderne Hirnforschung hätte die Erkenntnisse Montessoris bestätigt. Aha. DIE Hirnforschung. Reicht schon, danke. Niemand erwartet genauere (oder: überhaupt irgendwelche) Angaben über Forscher oder Erforschtes. Wo „Hirnforschung“ draufsteht, steckt Wahrheit drin. Lasst uns das kritische Denken und Forschen in die Brauchen-nur-Kinder-Tonne schmeißen und uns der Anbetung unfehlbarer, wenn auch toter, Menschen widmen. Maria Montessori hat doch bereits alles gesagt und die moderne Hirnforschung hat nur die eine – zugegebenermaßen heroische – Aufgabe, Montessoris Erkenntnisse empirisch zu belegen. Ist allerdings ein bisschen schwer, das wirklich zu verstehen, was die so forschen. Macht nichts, Frau Montessori hätte bestimmt dieses ganze abstrakte Computergekritzel zwischen Abszisse und Ordinate sowieso nicht gemocht. Kann man ja auch nicht anfassen. Aber vielleicht hätte sie die bunten Bildchen des Gehirns lustig gefunden, die je nach beanspruchtem Areal ganz unverhofft blinken oder auch nicht. Begriffe wie „transkranielle Magnetstimulation“ oder „Positronen-Emissions-Tomographie“ verstehen zu wollen, ist auch ein bisschen zu viel verlangt, immerhin hat Maria Montessori dazu kein selbstkontrollierendes Material entworfen. Limbisches System im Sandpapierformat. Hat sie uns im Stich gelassen? Müssen wir jetzt wirklich selber denken und forschen und wissenschaftlich arbeiten? Ich sage – nein! Die Welt ist kompliziert genug, lasst sie uns nicht noch komplizierter machen. Kinder wissen doch, was sie wollen. Wir müssen nur bei ihnen sein, sie unterstützen in dem, was sie tun. Uns zurücknehmen. Beobachten. Das bestätigt auch die moderne Hirnforschung.

PS: Ich bitte den Leser oder die Leserin, in einer geeigneten Suchmaschine die Wörter „Montessori“ und „Hirnforschung“ einzugeben, die aufgerufenen Seiten sorgfältig durchzulesen und mir zu schreiben, falls sie eine Seite finden, in der es tatsächlich einmal um Hirnforschung geht, die Frau Montessoris Vermutungen unterstützt. Ich habe aufgegeben, aber nur das Suchen, nicht die Hoffnung.

Rajkumar.

Seit drei Wochen bin ich wieder in Deutschland. Urlaub. Brauche ein neues Visum. Heute bekam ich eine e-mail von Priya, dass Rajkumar gestorben sei. Er war in meiner Klasse, wurde erst vor fünf Monaten zu mir versetzt, weil er zu intelligent für die erste Klasse war und sehr schnell fehlendes Wissen aufgeholt hat (insgesamt geht er erst seit einem Jahr zur Schule). Was ich nicht fassen kann: dass er wirklich tot ist. Für mich ist Indien so weit weg gerade, aber ich gehe davon aus, dass danach alles genauso ist, aber so wird es nicht sein. Ich bin überrascht, dass es mich so trifft. Und denke darüber nach, wie ich ihn besser hätte fördern können, was ich verpasst hab. Er hat sehr gut Schach gespielt, besser als seine älteren Mitschüler, manchmal haben wir in der Pause zusammen gespielt, aber es war nie wirklich Zeit, ihn darin zu unterrichten. Rajkumar war sehr leicht in seinem Stolz verletzt und hat sich dann auch mit Gewalt gewehrt, so wie fast alle Kinder in meiner Klasse.

Priya hat nichts genaueres erzählt, aber ich frage mich, wie ER bei einem Autounfall sterben konnte. Er lebte weiter weg von der Schule als die meisten Kinder, in einer Gegend, zu der man nicht mit dem Auto kommt. Wahrscheinlich war er unterwegs, denn es sind zur Zeit Ferien. Ach, was auch immer. Tod ist schrecklich, wenn er nicht in der Masse verschwindet.

Rajkumar ist tot.