Reichtum macht mich arm.

Seit ich wieder in Deutschland bin, bin ich arm. In Indien verdiene ich ungefähr 60 Euro im Monat und bekomme 150 Euro Kindergeld. Wären da nicht die Flugkosten und die Studiengebühren, könnte ich wunderbar davon leben. Auch so ist es okay, quasi mittlere Mittelschicht. Kann einmal in der Woche in einem (indischen) Restaurant essen, alle zwei Monate für ein Wochenende wegfahren (falls ich die Zeit dafür habe), im Winter warm duschen und mir sogar Nudeln kaufen zum Frühstück und manchmal auch ‘nen Eiskaffee. Es reicht immerhin auch für Anziehsachen, einmal im halben Jahr.

Hier in Berlin fühle ich mich umgeben von Reichtum. Ist euch schon mal aufgefallen, wie oft die Menschen hier einkaufen gehen? Nicht nur Essen, sondern auch Schuhe, Röcke, Ohrringe, Unterwäsche, Bücher usw. Und da ist dann auch noch der obligatorische monatlich zu erfolgende Einkauf bei Ikea und die mindestens ebenso oft abzuhaltende Suche nach Schnäppchen auf dem Flohmarkt. In Indien finde ich bereits den aus Ich-habe-keinen-Kühlschrank-Gründen täglichen Einkauf von Lebensmitteln auf dem Markt dermaßen anstrengend und aufwändig, dass ich mich vor allem anderen, was man noch so einkaufen könnte, drücke. Wenn ich wieder in Indien bin und studieren werde, brauche ich zum Beispiel einen Tisch und einen Stuhl. Das werden zwei Stunden Horroreinkauf in Höllenglut. Ich neige nicht zu Übertreibungen.

Mein noch übrig gebliebenes Geld war so schnell weg hier in Deutschland, wer hätte das gedacht. Neue Schuhe, eine neue Tasche, Ohrringe… und ich muss zugeben, ich brauche diese Dinge WIRKLICH. Das sagt wohl jeder, mag sein, aber nur bei mir stimmt es. Trotzdem lebe ich eigentlich auf Kosten meiner Freundin, bei der ich wohne, die das Essen kauft und auch sonst schöne Sachen. Im Moment zum Beispiel einen Kühlschrank, eine Waschmaschine, einen Herd, einen Toaster, Laminat und sonstige Errungenschaften der Zivilisation. Nicht für mich, wohlgemerkt, sondern für ihre neue Wohnung. Da müsste es mir doch gut gehen. Stattdessen verstärkt diese Abhängigkeit nur das Gefühl der Armut – und der Demütigung. Es ist schön, Dinge geschenkt zu bekommen, wenn der andere sie schenkt, um mir eine Freude zu bereiten. Aber Dinge geschenkt bekommen, weil ich selbst zu dumm bin, mir einen Job mit höherer Bezahlung besorgt zu haben? Demütigend. Noch schlimmer: Ohne diese Hilfe käme ich gar nicht mehr zurecht.

Habe mal ein Buch gelesen über Frauen als Opfer im Kashmirkonflikt. Fast alle von ihnen, Muslime wie auch Hindus, verloren (männliche) Familienangehörige und damit jegliche finanzielle Unterstützung. Oft mussten sie fliehen, ihren gesamten Besitz zurücklassen. Reiche Frauen aus höheren Schichten wurden mit einem Schlag völlig mittellos. Eigentlich wären sie zum Betteln verdammt gewesen, aber das ließen der Glauben und ihre Herkunft nicht zu und so waren sie auf Menschen angewiesen, die halfen, ohne gefragt zu werden. Sie hatten nichts zu Fressen und waren auch noch stolz darauf, nicht zu betteln. Damals dachte ich: wie dämlich, die sollen sich mal nicht so haben. Heute denke ich das immer noch.

Auch von mir. Eigentlich bräuchte ich mich nicht schämen (ganz abgesehen davon, dass das Berichten von Schamgefühlen beim Leser oft dieses Peinlich-Berührtsein auslöst, das einem auch immer beim Big-Brother-Gucken befällt). Finanzieller Erfolg beruht fast immer auf der Unterdrückung anderer. Das „fast“ habe ich geschrieben, um nicht ganz so radikal zu klingen. Habe allerdings etwas gegen Reichtum: Meinen Job. Armen Kindern die Möglichkeit zu bieten, eventuell im besten aller Fälle sich selbst eine bessere Zukunft zusammenbasteln zu können, ist zwar für ein paar Monate als Selbsterfahrungstrip begehrt und auch was für den Lebenslauf, mit dem man sich später bei McKinsley bewerben kann, um sein soziales Engagement und die differenzierte Persönlichkeit zu unterstreichen. Aber diese Arbeit wird nicht ernstgenommen als ERNSTHAFTE ARBEIT.

Nach einem Jahr, in denen meine Gedanken bei jedem Einkauf um die 100 Rupie-Hürde kreisten (soviel darf ich in Indien am Tag ausgeben, um mit dem Geld hinzukommen, das sind ca. 1,90 €) und das Ende des Kindergeldbezuges nur noch einige Tage entfernt ist, bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass ein solches freiwillig gewähltes finanzielles Desaster tatsächlich nur ertragbar ist, wenn man weiß, dass es ein baldiges Ende hat. Dummerweise ist „bald“ ein dehnbarer Begriff und beschreibt bei mir noch mindestens ein Jahr. Solange sonne ich mich im Selbstmitleid und schäme mich ob meiner Armut. Letzteres nur noch bis zum 14. Juli, an dem ich hoffentlich ein Visum haben und im Flugzeug sitzen werde. Dann bin ich wieder in Indien und reich. Juhu!

3 Antworten zu „Reichtum macht mich arm.“


  1. 1 julia 9. Juli 2008 um 12:16

    Kati auch in Deutschland fragt niemand einen Lehrer nach seinen Methoden, wohl aber nach seinen Studium.

  2. 2 katirichter 9. Juli 2008 um 9:50

    Hm. Stimmt. Vielleicht regt mich das auch nur so auf, weil mir Small-Talk-Gespräche so schwer fallen? Ich weiß auch nicht. Wie geht’s dir denn so? Bist du noch in Merseburg?

  3. 3 julia 19. Juli 2008 um 11:40

    mir geht es zur Zeit eher nicht so gut ich würde gekündigt und muss mir jetzt einen neuen Job suchen.
    Ich hasse Small-Talk auch da ich das Gefühl habe keine passenden Gesprächsthemen zu kennen. (alles nur eine Sache des Selbstvertrauens an dem ich wohl noch arbeiten muss)

    Und du für so unqualifiziert wie du immer tuts bis du doch gar nicht.
    Du hast Erfahrung von mehr als einem Jahr und an Wissen und Intelligenz hat es dir auch nie gemangelt.

    Um deine nicht vorhanden Geldsorgen zu schmälen schicke ich dir die folgend Adressen

    http://www.cusanuswerke.de
    http://www.evstudienwerk.de
    http://www.fes.de
    http://www.fnst.de
    http://www.boeckler.de
    http://www.hss.de
    http://www.kas.de
    http://www.sdw.org
    http://www.boell.de
    http://www.studienstiftung.de
    http://www.rosaluxemburgstiftung.de

    bye


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