Morgen ist mein erster richtiger Arbeitstag in der Schule der NGO „Basic Human Needs“. War gestern schon da, aber Samstags wird nur gespielt oder es gibt einen Ausflug. Im Moment kommen sehr viele Kinder, gestern waren es um die 40 - auf vielleicht hoechstens 30 Quadratmetern. Zwanzig davon waren weniger als 5 Jahre alt, die juengsten eineinhalb. Ich glaube, es wird sehr schwierig, hier guten Unterricht zu machen, von Platzproblemen einmal abgesehen.
Die Kinder kommen alle von der Strasse, bzw. vom Rand der Strasse (also in diesem Monat: aus dem Schlamm), sie wohnen entweder am Ufer des Ganges im Westen Varanasis, wo es noch keine Ghats (Treppenstufen zum Ganges) gibt. Oder sie kommen aus irgendwelchen Plastikplanen-Blech-Haeuschen am Rand von groesseren Strassen. Wobei „Haeuschen“ hier ein Euphemismus ist. Die Kinder sind voellig verwahrlost, und wenn ich das schreibe, meine ich nicht den Zustand von Kindern der Hartz-Vier-Familie von nebenan, die von den Omas als verwahrlost beschimpft werden. Das ist noch mal eine Stufe krasser als die Kinder in meiner alten Schule (nicht Nirman, sondern die in der Altstadt Varanasis, die vorwiegend von den armen Kinder der Fischer besucht wird), die immerhin in Steinhaeusern wohnten und deren Monatseinkommen bei ca. 1500 lag – ich vermute das sind 500 bis 1000 Rupees mehr, als die Eltern der Kinder meiner neuen Schule (insofern sie Eltern haben) verdienen.
Was ich so schlimm und fuer den schulischen Alltag so schwierig finde, ist, dass die Kinder so aggressiv sind, sich staendig gegenseitig schlagen und weh tun. Dabei koennen sie Grenzen, die gesetzt werden, kaum erkennen, geschweige denn einhalten. Gestern habe ich ein Spiel gespielt mit den Kleinsten (so ca. 1,5-3 Jahre) und jeder kam der Reihe nach dran. „Reihe“ ist ja sowieso ein Fremdwort in Indien. Auch nach mehrmaligem Zeigen und Ermuntern und Ermahnen ging das mit dem In-der-Reihe-Stehen nur ganz schwer, alle 30 Sekunden draengten sie schon wieder im Haufen. Und ein kleiner Junge hat sich staendig vorgedraengelt und noch staerker als die anderen schwaechere Kinder weggestossen, um weiter vorne zu sein. Irgendwann habe ich ihn hochgehoben, ihn auf eine kleine Mauer gesetzt und ihm gesagt, dass er nicht mehr dabei sein duerfe, weil er den anderen Kindern weh tut. Wenn er aber hier ruhig sitzen bleibt fuer 5 Minuten, nehme ich ihn dran. Hat der Junge doch tatsaechlich gemacht! Ich hab mich unglaublich gefreut, und ihn gelobt und er hat sich auch total gefreut.
Vermutlich muss ich mich in Geduld ueben und die naechsten Monate ganz viele Kleinigkeiten mit den Kindern ueben, die es ihnen ermoeglichen, sich friedlich (miteinander) zu beschaeftigen. Bei den kleineren Kindern ist Unterricht sowieso noch nicht sinnvoll, ich muss mal schauen, ob ich irgendwelche Spielsachen (Kuscheltiere waeren toll, aber woher nehmen?) besorgen oder basteln kann, so dass es genug fuer alle gibt und sie nicht die ganze Zeit streiten muessen darum, wer die Murmeln haben darf usw. Dadurch entstehen Wartezeiten, die natuerlich sehr schwierig sind fuer ein Kind, besonders wenn es umgeben ist von anderen Kindern, die das gleiche wollen – und der Zeitraum, das Spielzeug ueberhaupt zu bekommen, eng begrenzt ist.
Ich frage mich, ob ich ein schlechtes Gewissen haben sollte (ich habe es bereits), weil meine Wohnung um einiges groesser und schoener ist als die gesamte Schule…habe bereits ueberlegt, ob man nicht einfach den Unterricht in meine Wohnung verlegen koennte, es waere auf jeden Fall viel mehr Platz, es gaebe ein ordentliches Dach und verschiedene Raeume, so dass man die Kinder trennen koennte. Allerdings vermute ich, dass das letztlich eine schlechte Idee waere, ganz abgesehen davon, dass meine Vermieter, die alles, was arm ist, hassen, ausrasten und mir das Ganze sofort verbieten wuerden. MIt einem Mal haette ich keine Privatsphaere mehr und auch keinen Teilzeitjob. Ausserdem wuessten die Kinder, wie ich wohne, und dass ich viel besser wohne als sie selbst. Hm, weiss auch nicht. Der richtige Umgang mit dem krassen Unterschied zwischen Arm und Reich ist mir immer noch unklar.
Gerade wehte hier unten im Internetcaffe der Duft von Brathaehnchen. Die gibts hier gar nicht!
Hallo Kati!
Es ist immer schön Deine Texte zu lesen!!! Sehr schön formuliert! Ich bewundere Deine Einstellung zu den ganzen Umständen dort. Weiter so! Schreib uns schöne Geschichten ins Internet! Vielleicht kannst Du ja mal so aus dem Handgelenk ein paar Bilder knipsen, in der Hoffnung das dich kein Inder dabei entdeckt und auslacht.
Ich denk an Dich!
Möff