Archiv für Januar 2009

Auf dem Kamel

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Bishnoi

Als ich mal wieder mit dem Kamel durch die Wueste ritt, merkte ich, dass an der Fuehrleine meines Kamels ein Mann angebunden war. Daher bemuehte ich mich um ein Gespraech und siehe, wer haette das gedacht, folgendes hat er mir erzaehlt:

Seine Name ist vielleicht Duna, vielleicht aber auch nicht. Duna ist ungefaehr Mitte dreissig und hat Frau (Name vergessen, wie bezeichnend) und vier Kinder: Shubam, Ashok und Khana (ja, das heisst „Essen“, fand Duna lustig, als ich mich gewundert habe) und Sangita. Er spricht Hindu und Marwari, den oertlichen Dialekt. Sein aeltester Sohn ist mit 10 Jahren schon laengst verheiratet und geht in die vierte Klasse der Dorfschule, die gluecklicherweise keine 2 Minuten von seinem Haus entfernt ist. Sein Haus liegt mitten in der Wueste in Rajasthan (ja, die Wueste hat einen Namen, und ja, ich weiss ihn nicht und auch der Name seines Dorfes ist mir entfallen, liegt in der Naehe von Osian), umgeben von ein bisschen Gestruepp, einigen Wuestenbaeumen und viel Sand. Nicht zu vergessen die paar hochgewachsenen, bluehenden Straeuchern vor den Lehm- oder Steinhaeusern.

Duna gehoert zum Stamm der Bishnois, einer Hindusekte, die im 15 Jahrhundert von einem heiligen Typen gegruendet wurde, der offensichtlich auf seine ganz eigene Weise der Hygiene huldigen wollte und daher 29 Regeln aufgestellt hat, die den guten Menschen von den boesen Menschen und Bakterien schuetzen soll. Hier findet man auch die bereits im Alten Testament beliebte Aussage ueber die unreine menstruierende Frau, die, sobald die monatliche Blutung anfaengt, fuer 5 Tage vom Haushalt entfernt wird. Abgesehen von solchen Spaessen klingen ein paar Regeln zumindest nachdenkenswert. Es duerfen keine Baeume gefaellt werden, das Leben eines Baumes wird genauso hoch geachtet wie das Leben eines Menschen (daher gehoeren die Bishnois zu den wenigen Hindus, die ihre Toten begraben – Mangel an Feuerholz, wir verstehen uns) und schon oefter haben Bishnois sich selbst geopfert, um einen Baum vor dem Faellen zu bewahren. Ausserdem soll jeder Bishnoi einen Zufluchtsort schaffen fuer maennliche Herdentiere (Ziegen, Schafe, Kuehe, Bueffel), die ansonsten geschlachtet und gegessen wuerden. Natuerlich duerfen die Jungs und Maedels selbst auch kein Fleisch essen, waere ja auch gelacht.

Was mein netter Kamelhaargeselle mir nicht erzaehlt hat, war, dass laut Statut Nummer 24  auch Opiumkonsum verboten ist. Ist ihm wohl entfallen. Will er vielleicht auch nicht wahrhaben, weil Opium fuer ihn Zeichen der Gastfreundschaft ist und bei jeder grossen Feier getrunken wird. Er meinte, dass Opium grossartig ist, wenn man total fertig ist und aber noch mehr arbeiten muss. Man muss nur vorsichtig sein, nicht zuviel zu nehmen, damit man nich abhaengig wird, was trotzdem immer wieder mal vorkommt. Und man sollte nicht direkt vor dem naechsten Polizisten trinken. Die wissen zwar, dass Opium traditionell dazu gehoert, druecken auch ein paar Ohren zu, aber fuer die Statistik versuchen sie trotzdem ab und an jemanden zu erwischen.

Der angeblich letzte Anlass zum Opiumtrinken bei ihm: Die Hochzeit seines aeltesten Sohnes Shubam vor 2 Jahren. Die Kinder werden so im Alter von 5-8 verheiratet und dann zurueck in das eigene Elternhaus geschickt, bis sie so ungefaehr 16 (w.)/20 (m.) sind, dann kommt die Frau ins Haus ihres Mannes. Zur Hochzeit kauft der Brautvater seiner Tochter Schmuck im Wert von 2-300000 Rupees (so 4-5000 Euro). Toechter lohnen sich also finanziell kaum, interessantererweise hatte Duna drei Soehne und nur die kleinste ist ein Maedchen. Tja, da koennte man schlechtes dahinter vermuten. Die Kinder wachsen also im Wissen, bereits verheiratet zu sein, heran. Shubam besucht oefters sein Frauchen und spielt mit ihr. Ich hoffe, ich muss nicht erwaehnen, dass an Scheidung noch nicht einmal gedacht wird. Konnte als Frau schlecht ueber das Thema Liebe und Sex reden, aber da ich kuerzlich erst erfahren habe, dass in keiner indischen Sprache das Wort „Orgasmus“ existiert, ist ja klar was da fuer die Frau laeuft.

Die maennlichen Bishnois erkennt man daran, dass sie zwei Ohrstecker tragen (sah fuer mich aus wie Bluemchen, man weiss ja nie). Die weiblichen Bishnois (zumindest die, die ich gesehen habe), erkennt man daran, dass sie in den Kuechen der maennlichen Bishnois sitzen.

Duna verdient als Kamelfuehrer angeblich 2500 Rupees (ungefaehr 40 Euro) im Monat, aber das ist wohl bei einem Tagesverdienst von 300 Rupees, wie ich ihn vermute (Kamelfahren kostet den fleischfressenden Weissen so einiges Geld) leicht untertrieben. Ich vermute, er befuerchtete, dass ich ihn fuer reich halten wuerde, wuerde er sagen, was er wirklich verdient. Sein Lohn reicht auf jeden Fall nicht, die Kinder auf eine ordentliche Schule, in der auch Englisch unterrichtet wird, zu schicken, was ihn ziemlich wuetend macht, weil die Kinder spaeter als Kamelfuehrer viel mit nur englischsprechenden Touristen zu tun haben werden.

Mehr faellt mir nicht ein. Hab das auch nur aufgeschrieben, weil mein Zug von Delhi nach Varanasi einfach gestrichen wurde und ich jetzt hier in Pahar Ganj waehlen kann zwischen einkaufen, mit dreckigen Auslaendern flirten, Fernseh gucken oder ins Internet gehen…welch ein Leben.