Die letzte Zeit war angefuellt mit ganz viel Universitaet(haben Feldforschung betrieben, mehr oder weniger professionell, Thema: Saraswati Puja, schreibe ich mal mehr drueber irgendwann). Zusaetzlich zur Uni kam die Schule, in der zwar vor allem mein Bruder und seine Frau an der Verschoenerung (Borte, Schnoerkelkram, Backsteinraum) arbeiten, aber irgendwie bleibt trotzdem dermassen viel Arbeit uebrig, dass es auch fuer mich noch reicht. Aber jetzt haben wir ein Strohdach auf dem Backsteinboden. Mit Pfeilern dazwischen, versteht sich. Das Dach hat der Dachbaumann aus dem Dorf gemacht. Sieht beinahe wunderschoen aus und sowieso wird jeden Tag irgendwas schoener.
Nachdem die Kinder ewig Druck gemacht haben, gibt es jetzt regelmaessig Hausaufgaben. Habe ein einfaches Hausaufgabenheft gemacht, es binden lassen und just im richtigen Augenblick kam die Anfrage von Freunden von Freunden, ob wir Schultaschen brauchen…natuerlich genau die Anzahl, die wir benoetigten. Macht mich gelassener, diese Erfahrungen, dass immer wieder irgendwas ganz toll hinhaut und das Geld schon irgendwie kommt und ich nicht so viel daruber nachdenken sollte.
Delphine, die jetzt wieder mit mir zusammenarbeitet, hat viele kleine Buntstiftpackungen aus der Schweiz mitgebracht, die wir dann zusammen mit Bleistift, Spitzer, Radiergummi, Lineal und Wachsmalstiften in die Taschen gepackt haben. Die Kinder waren gluecklich. Zumindest mit dem Malkram, die Idee des Hausaufgabenheftes ist noch nicht zu allen durchgedrungen und ein paar Kinder haben ihre Hausaufgaben in eben jenem Heft gemacht. Nun ja. Wenn sie geschlagen werden wollen, sollen sie ruhig so weitermachen.
Das Schlagen! Ich weiss gar nicht, ob das jemals anders wird oder ob sich ueberhaupt irgendwas positiv veraendert hat, seit ich hier bin, was diesen Punk angeht. Schlagen oder das Androhen von Schlaegen ist in 99% der Faelle stets die erste Reaktion in jedwedem Konflikt. Ich versuche so oft wie moeglich, mich mit den beiden Parteien zusammenzusetzen und herauszufinden, worum es ging, was das Problem war und wie man es anders loesen koennte, so dass die beiden Freunde bleiben koennen. Das funktioniert ganz oft auch. Aber beim naechsten Mal wird wieder losgeschlagen. Ganz schlimm finde ich, dass sich sowohl im Hostel als auch in der Schule eine krasse Art der Hierachie herausgebildet hat, in der die juengeren Kinder stets den aelteren unterlegen sind und geschlagen werden, zum Teil ihre Arbeiten erledigen muessen und in manchen Faellen sowas wie ihre Diener sind. Das ist echt schlimm und richtig starr eingerichtet und faellt mir auch erst auf, seitdem ich im Hostel lebe. Daher sind so einige aeltere Kinder im Hostel ziemlich sauer auf mich, ploetzlich fallen naemlich (ungerechte!) Privilegien we g und wann immer sie Kleine schlagen, gilt natuerlich auch vice versa, schreite ich ein. Besonders im vergangengen Monat kam es zu einigen krassen Szenen mit aelteren Jungs und Maedchen, die eigentlich staendig schlagen. Und die kleinen Kinder haben Angst und haben auch Angst, zu mir zu kommen, weil die Grossen ihnen drohen, dass sie sie sonst schlagen. Aber ich fuehle, dass mittlerweile die Hemmschwelle, vorgefallene Gewaltakte zu berichten, niedriger geworden ist.
Es ist verdammt schwierig, die Balance zu halten. Manchmal wuerde ich gerne den ganzen Tag die grossen Kinder (so 14-16) den ganzen Dreck im Hostel wegmachen lassen, sie auch schlagen, wenn sie schlagen oder sie einfach rausschmeissen. Faellt mir nicht leicht, sie in solchen Momenten zu moegen, wenn sie ploetzlich nicht Opfer, sondern Taeter sind. Und ich frage mich, ob sie nicht schon zu alt sind, um sich noch grundsaetzlich anderen (friedlicheren) Strukturen anpassen zu koennen. Manchmal befuerchte ich, dass es so ist.
Andererseits hatte ich erst vorgestern ein langes Gespraech mit einem groesseren Maedchen, mit dem ich sehr viele Probleme hatte die letzte Zeit. Sie ist so etwas wie die Prinzessin im Hostel – alle juengeren Kinder sind ihre Diener, reichen ihr ihre Anziehsachen so wie das Glas Wasser am Morgen, holen ihre Waesche von der Leine usw. Abha ist nicht nur sehr huebsch, sondern auch intelligent. Und liebt es, ihre Arbeit zu delegieren. In letzter Zeit ist sie zudem auch noch staendig sauer auf mich, weil sie grundsaetzlich die Regeln, die fuer alle anderen gelten, nicht einhaelt (Haende vorm Essen waschen, Raum fegen, Matratzen ausschuetteln usw.). Im Gegensatz zu den anderen Mitarbeitern, die das zwar stoert, die aber nicht wirklich etwas unternehmen wollen, wurde sie schon mehrmals von mir bestraft. Oh, das klingt aber krass im Deutschen. Eigentlich waren es weniger Strafen, als Konsequenzen beim Nichteinhalten von Regeln, hoffe ich zuindest, und sie waren vorher angekuendigt – und fuer alle Kinder gueltig. Wie z.B.: Wer sich vor dem Essen nicht die Haende waescht, bekommt kein Essen. Das war so der letzte relativ grosse Eklat, weil Abha nicht in einer Reihe mit den anderen Kindern stehen und auf das Wasser warten wollte, wusch sie sich nich die Haende. Ja. Ehrlich gesagt, dachte ich, dass sie jetzt fuer ganz lange richtig sauer ist und ich war mir bei weitem nicht sicher, ob so ein Umgang mit dem Problem (durch strikte Einhaltung der Regeln, bzw. Konsequenzen) nicht unsere eh schon schwierige Beziehung richtig kaputt macht. Hab mich total schlecht gefuehlt an diesem Nachmittag. Und am Abend hat sie erst nicht mit mir geredet, dann waren wir aber die beiden einzigen, die noch wach waren und sie hat gelernt und ich hab ihr gesagt, sie solle lieber schlafen gehen und das morgen am Sonntag machen, weil sie doch heute schon so viel gelernt hat. Dann sind wir zusammen schlafen gegangen (d.h. auf einer gemeinsamen Matratze) und ich hab sie gefragt, ob sie noch sauer ist. Mir kam es vor, als haette sie darauf nur gewartet, und meinte „Jetzt nicht mehr“ und wir haben mindestens eine Stunde ueber alles moegliche geredet. Auch ueber die Ungerechtigkeit, die im Hostel herrscht, und ich hatte hatte das Gefuehl, dass sie merkt, dass ich keinen Machtkampf will, sondern dass es mir weh tut, wie sie die kleinen Kinder behandeln. Gestern dann (am Sonntag) war sie den ganzen Tag bei mir, einfach so, und wollte nicht mehr gehen. Jetzt faengt ein neues Leben an! Hihi. Naja, auf jeden Fall bin ich nicht mehr so voellig negativ eingestellt und es faellt mir wieder leichter, auch die aelteren Kinder als Kinder zu betrachten, die halt tun, was sie gelernt haben. WEIL sie es gelernt haben.
Heute in meiner Klasse konnte ein neuer Junge „tree“ lesen. Mein Gott, hab ich mich gefreut.
Mein kleiner Babyhund, den ich dummerweise wirklich lieb hatte, ist gestorben. In meinen Haenden. Haette nicht gedacht, dass man ein Hundevieh so vermissen kann. Ich hoffe, dass NIEMALS eins der Kinder stirbt.