Archiv für Mai 2009

Sommercamp mit Suraj

Wieder zurueck vom Sommercamp. 44 Kinder aus Schule und Hostel waren dabei und alle Lehrer und Koeche und Erzieher. Insgesamt so um die 55 Leute. Waren in einem Ashram am Ufer des Ganges – kleine Lehmhuetten, ein ueberdachter Essensbereich und geschlafen haben wir draussen auf dem Boden unterm Sternenhimmel. Jeden Morgen vorm eigentlichen Fruehstueck fuer 2,3 Stunden an den Ganges, spielen, waschen und Wassermelonen essen. Der Ganges ist zur Zeit so niedrig, dass in der Naehe vom Ashram ein riesiges (!) Nichtschwimmerbecken entstanden ist. Unglaublich grossartig und das Wasser sieht okay aus. Weil dort auch nicht viele Leute wohnen, gibt’s auch kaum Muell am Strand. Auch wenn so viele Kinder da waren und ich staendig beschaeftigt war mit Streit schlichten, vermitteln, umarmen und troesten, war ein Junge ueberproportional praesent: Suraj (Name natuerlich geaendert). Falls er nicht gerade geduscht hat, was er beinahe krankhaft mindestens 8-10 Mal am Tag tut. Er ist sechs oder sieben Jahre alt, lebt seit 2 Jahren im Hostel, ist extrem (negativ) verhaltensauffaellig und sehr musikalisch begabt. Konzentrationsspanne im Unterricht - er geht in eine Privatschule mit den anderen Hostelkindern -: 5-10 Minuten. Beide Eltern sind Alkoholiker und gewalttaetig. Sie wohnen nicht auf der Strasse, sondern in einer 1-Raum-Wohnung, er hat 8 Geschwister, 3 davon waren im Hostel und wiederum zwei davon wurden auf Grund mehrmaligen Diebstahls herausgeworfen. Wir hegen den starken Verdacht, dass die Eltern die Kinder dazu anstiften zu klauen. Und Suraj tut das nur zu gerne, angefangen von Geld, ueber Suessigkeiten bis hin zu Dingen, die er gar nicht gebrauchen kann. Die beiden Schwestern von ihm, die ich persoenlich kenne, wurden sexuell missbraucht, von wem, wissen wir nicht so genau, wir verdaechtigen den Vater und/oder den grossen Bruder. Suraj selbst ist vielleicht auch Opfer von Missbrauch gewesen oder hat ihn bei seinen Schwestern erlebt, darauf deuten manche Dinge hin, die er tut und sagt.

Suraj kann normalerweise keine Grenzen ertragen, rastet dann sofort aus, schmeisst mit Schimpfwoertern um sich (nur als kleines Beispiel: „Ich werde deine Hurenmutter ficken und dir mit ‘nem Messer den Bauch aufschlitzen!“), schlaegt, tritt, beisst. Gibt regelmaessig Szenen im Hostel, und auffaelligerweise immer dann, wenn ich nicht genug Zeit habe fuer ihn. Muss gestehen, dass das sehr oft der Fall ist, denn da sind immerhin noch 29 andere Kinder… So eine Krise endet, wenn die Wut sich in Traenen aufloest, er in meinen Armen liegt und wir ueber das Geschehene sprechen oder schweigen.

Im Camp war das nicht anders. Oder vielleicht doch, denn meistens konnte die Situation gerettet werden, indem ich ihn auf seine Gefuehle angesprochen habe, bzw. ihn gefragt habe, was er gerade fuehlt und was er gerne machen wuerde. Als ob das Aussprechen genug waere, um ihn sich selbst erkennen zu lassen. Das Krasse: Die letzten drei Tage habe ich ihn noch nie so friedfertig erlebt, Grenzen anerkennend, selbst wenn sie ihm subjektiv Nachteil bringen (warten in der Reihe, bis er dran ist, zum Beispiel). Gestern meinte er zweimal: „Ab jetzt stehle ich nie wieder“. Ohne irgendeinen Bezug zu den Dingen, mit denen wir im Moment beschaeftigt waren. Und ich, skeptisch wie ich bin, hab natuerlich sofort gedacht: Ach, sicher hat er gerade was geklaut und erstmal schnell meine Sachen gecheckt (natuerlich so, dass er es nicht mitbekam). Fehlte aber nichts…!

Das Tragisch: Jetzt wird er ueber die Ferien zu seinen Eltern zurueck gehen und wenn ich im Juli wiederkomme, koennen wir beide noch mal von vorne anfangen. Jedes Mal, wenn er von seinen Eltern zurueck kommt, werde ich so unglaublich wuetend auf seine Eltern und wuerde ihnen am liebsten sofort das Sorgerecht entziehen (nachdem ich einen Schlaegertrupp vorbeigeschickt habe). Sie toeten ihre Kinder, noch bevor die sich dessen bewusst sein koennen.

Manchmal frage ich mich, ob es nicht schon zu spaet ist fuer Suraj. Eine Freundin meinte, er wird bestimmt mal ein Psychopath. Wenn man anschaut, wie er unseren kleinen Hund quaelt…nun ja. Opfer wird zum Taeter und so. Oh, aber dann ein tolles Erlebnis zum Schluss des Camps: Hatten einen Theaterabend und jede Family Group (Suraj war in meiner, das hatte er so entschieden, obwohl er laut Los in einer anderen war) sollte etwas vorbereiten. Meine Gruppe wollte verschiedene Berufe darstellen. Suraj war bei der Vorbereitung abwesend, hatte keine Lust dazu und kam erst 1 Stunde vor Beginn des Abends auf die Idee, dass er auch gerne mitmachen wuerde. Eigentlich waere es konsequent gewesen, ihm das zu versagen, weil er vorher nicht da war. Auf der anderen Seite dachte ich mir, dass er, wenn es rein nach seinem Verhalten ginge, NIE irgendetwas mitmachen duerfte, weil er staendig so gut wie alle Regeln bricht. Daher meinte ich, dass er ein Schueler sein darf, weil der kein Kostuem braucht (und die „Lehrerin“ aber noch einen Schueler). Suraj bestand zumindest auf einem Schlips, so dass es aussieht, als traege er eine Schuluniform und 10 Minuten spaeter stand er auf der Buehne. Was er nicht wusste: Das gesamte Stueck drehte sich um diesen Schueler und seinen Alltag. Fiel mir auch erst ein, als die Kinder anfingen auf die Buehne zu kommen, aber so gab es eine nette Geschichte und Suraj musste zu meinen Erzaehlungen improvisieren. Unglaublich, wie toll und ernsthaft er das gemacht hat. Nicht nur er, die anderen Kinder auch, aber fuer ihn hat es mich unglaublich gefreut. Tja, und so klammere ich mich an solche Kleinigkeiten, um irgendwie die Hoffnung nicht abkratzen zu lassen, dass das was wir tun, doch Sinn hat.