Archiv für Juni 2009

Abgehauen.

Anand

Das ist Anil (Name geändert), ungefähr 6 oder 7 Jahre alt. Beim Schleifen von Holzklötzen. Großartige Aktion. Schon ein paar Monate her, wohlgemerkt, aber mich graust’s jetzt noch vorm Schleifen. Als ich im Mai gegangen bin, war Anil schon zwei Monate nicht mehr da. Er ist aus dem Hostel ausgerissen, weil ein älterer Junge ihn geschlagen hat. Verfickt. Und ich war gerade nicht da. Anil hat ‘nen unglaublichen Gerechtigkeitssinn.  Wann immer er geweint hat oder ausgerastet ist, waren das Situationen, in denen er sich ungerecht behandelt vorkam (und: meist zurecht).  Als ich zu arbeiten anfing, stand er oft stundenlang (keine Übertreibung) vor Wut weinend oder beinahe weinend da und ließ sich nur schwer beruhigen. In den letzten Monaten bevor er wegging, kam das nur noch sehr selten vor, und dann fing er sehr schnell an zu reden und zu artikulieren, was ihn bedrückt und wütend macht und meist konnten wir es sehr schnell klären mit den betreffenden Kindern. Interessanterweise hat er selten Bock auf Film schauen. Wann immer die Kinder Filme schauen, kommt er zu mir und möchte irgendwas helfen. Besonders beliebt: Mit der Sprühflasche Spiegel saubermachen… Gestern beim Bilder-Durchklicken habe ich dieses Bild entdeckt und merke wieder, wie schlecht es sich anfühlt, nicht da zu sein. Wäre ich zu diesem Zeitpunkt nicht an der Uni, sondern im Hostel gewesen, hätte Anil sich sicherlich bei mir beschwert über den Jungen, der ihn geschlagen hat. Und wäre nicht abgehauen. Als ich ihn später zufällig auf der Straße getroffen habe, und er mir erzählte, was passiert ist, meinte er: „Er hat mich geschlagen und der Erzieher hat nichts gemacht.“ Das hätte anders laufen müssen – und ich kann mir nicht einreden, dass ich nicht verantwortlich bin. Anil ist mittlerweile wie die meisten Kinder aus dem Hostel mit seiner Familie zur Reisernte aufs Dorf gefahren, ich hoffe, er kommt gemeinsam mit den anderen Kindern zurück.

Ist auch nicht das erste Mal, dass er abgehauen ist und wieder anfing Müll zu sammeln. „Da kann ich mir mein eigenes Essen kaufen und immer Süßigkeiten essen und muss nicht zur Schule gehen!“ Wohlgemerkt, er geht nicht in die Jeevan-School, sondern wie die meisten Kinder aus dem Hostel auf Privatschulen. Diese sind allerdings um einiges schlechter als unsere Schule, doch mittlerweile haben wir nicht mehr die Kapazitäten, um die Hostel-Kinder zurückzuholen. Anil geht sogar mit drei anderen Kindern auf eine der besseren schlechten Privatschulen. D.h. er wird nur selten geschlagen und die Bücher sind ein bisschen besser als in den anderen Schuen. Allerdings wird dermaßen streng auf den Sitz der Schlipse, saubere Schuhe, Pünktlichkeit und Disziplin geachtet, dass kaum verwunderlich ist, dass Anil, der bisher ein sehr unregelmäßiges Straßenleben führte, ständig angeschrieen wird und irgendwelche dämlichen Strafen erhält. Was mir da einfällt – und wie auch immer man das interpretieren möchte: Anil ist der Beste in seiner Klasse, und das will was heißen. Ich frage mich, wie überhaupt irgendein Kind irgendetwas lernen kann in so einer beschissenen Schule. Dass er es aushielt, für seine Verhältnisse so regelmäßig zur Schule zu gehen.

Könnte heulen.