Shilu und ich waren vorgestern mit seinem Motorrad unterwegs und haben Hindi-Buecher gekauft, weil Kathrin (sie ist Inderin, Christin, daher ihr Name) mit dem Hindiunterricht nicht klar kommt. Und mich um Hilfe gebeten hat. Alleine deshalb wollte ich ihr helfen, weil ich es grossartig finde, dass endlich mal ein Lehrer zugibt, nicht zurecht zu kommen. In der Southpoint School war ich umgeben von mehr oder weniger unqualifizierten Lehrern (Priya war die Ausnahme) und jeder erweckte in den Meetings den Eindruck, Herr der Lage zu sein – niemand war es. Wenn ich mit den Lehrerinnen alleine geredet habe, beschwerten sie sich staendig ueber die zu viele Arbeit, die Probleme mit der Fuelle des Lehrplans (bzw. dessen Einhaltung), Schwierigkeiten mit bestimmten Schuelern. Aber wenn solche Dinge im Team offen kommuniziert werden wollten, herrschte beredtes Schweigen.
Wie auch immer, jetzt gibt es Hindi-Buecher. Und zwar sehr gute, vom Erziehungsministerium. Der Held des ganzen (hab seinen Namen vergessen) hat vor ein paar Jahren angefangen, die Buecher voellig umschreiben zu lassen, damit selbst Kinder, die von schlechten Lehrern unterrichtet wuerden, die Moeglichkeit besaessen, sich selbst zu bilden. Hat er gesagt. Und 2006 eine neue Version der offiziellen Regierungsschulbuecher rausgebracht – fuer 50 cent das Stueck. Die sind qualitativ extrem hochwertig, so im Vergleich zum viel teureren Buecherschrott, der hier im Umlauf ist. Aber auch hier gibt es die interessante Auffassung, dass nur das RICHTIG gut sein kann, was teuer ist. Daher benutzen die meisten oeffentlichen Schulen andere (also: teurere) Buecher, die weniger kindgerecht, weniger fachgerecht und weniger schoen sind. Daemlich.
Sylvia, meine franzoesische Nachbarin, hat in Frankreich eine NGO gegruendet, die indische Ngos mit Buechern ausstatten will. Dafuer bekommt sie nicht nur Bargeld von dort, sondern hat auch eine Buecherlieferung mit tausenden von Buechern bekommen (Ubertreibung, es sind nur tausend, glaube ich). Und sie bezahlt die neuen Schulbuecher fuer die Kinder und demnaechst gehen wir Kinderbuecher einkaufen. Juhu!!!
Ich hab mir auch ein Buch gekauft, naemlich ein Hindi-English-Woerterbuch, weil meins verschwunden ist. Und ich muss endlich mal an meinem Hindi arbeiten, es beschaemt mich immer wieder, wenn ich wuetend bin und die daemlichsten Fehler mache, weil ich so aufgeregt bin bzw. mir mal wieder nicht auf Hindi einfaellt, was ich gerne sagen will. Oder die Kinder mich nach Uebersetzungen fragen und ich ihnen nicht helfen kann, weil mein Hindi nicht so gut ist. Ich brauche mehr Zeit.
Die Kinder, besonders Laxmi und Krishna, waren voellig vertieft in ihre neuen Lehrbuecher. Die Buecher bauen vorwiegend auf Geschichten und Gedichten auf, so aehnlich wie mein Englischunterricht, nur in bunt. Da die Kinder der aelteren Gruppe (Senior Group = SG) in Hindi den Klassenstufen 3-5 entsprechen, hat jeder ein Buch entsprechend seines Levels erhalten. Mein Hindiunterricht (eigentlich ist es eine Schande, dass ich das unterrichte, verstehe die meisten der Texte kaum) lief heute so ab: Jedes Kind hat seine erste Geschichte gelesen und danach ein paar Fragen aus dem Buch, das Arbeitsheft und Lehrbuch in einem ist, beantwortet. Danach durfte dann aus jeder Gruppe ein Kind seine Geschichte erzaehlen. Das war sehr schwierig fuer die Kinder, die ein Gedicht hatten. Sie haben dann erst das Gedicht vorgelesen und ich hab ein paar Fragen in mehr oder weniger gutem Hindi gestellt. Klingt nicht so spannend, war es auch nicht. Ist halt nicht meine Sprache…und Kathrin hatte genug zu tun mit der Junior Group (SG). Ich hoffe, das klingt jetzt nicht so muede und fertig, wie ich mich fuehle. Es war ein schoener Tag in der Schule. Bis jetzt ist jeder Tag schoen gewesen. Komisch.
Ein Kind (Dhuja, 7) hat mir gesagt, dass ich ab jetzt seine Mami bin. Und das erzaehlt es ueberall herum, und: dass Shilu ihr Papa ist. Sie wohnt im Hostel, hat fuenf Geschwister und die Mutter will sie nicht daheim haben, weil sie beim Arbeiten im Haushalt stoert… An Tagen, an denen sie heimdarf, nimmt die Mutter sie manchmal nicht mit, sondern nur den grossen Bruder (Krishna, 10). Dhuja und Krishna waren erst relativ gleichgueltig mir gegenueber. Nein, nicht wirklich gleichgueltig, sie waren nur nicht so klammernd wie die Kinder aus den Bettelfamilien. Sie keine Distanz und haengen sich einfach die ganze Zeit an einen dran, ohne ein „Nein“ zu respektieren. Am Anfang war ich sehr streng zu ihnen, hab ihnen grundsaetzlich verboten, mich anzufassen (auch an der Hand), weil sie nicht differenzieren konnten zwischen Zeiten, in denen man Naehe suchen kann und Zeiten, in denen das nicht geht (wenn ich in einer anderen Klasse unterrichte). Ich vermute, dass sie durch das staendige Betteln daran gewoehnt sind, die Grenzen anderer Menschen zu ignorieren – wer wuerde ihnen sonst Geld geben, wenn sie nicht verdammt aufdringlich waeren?
Mittlerweile hat sich das ein wenig gelegt und meistens koennen sie akzeptieren, wenn ich „Nein“ sage und weggehe (ich gehe ja auch nicht einfach so, sondern erklaere ihnen, warum ich gehe) und sie haben dieses aufdringliche, bettelnde Verhalten abgelegt. Zumindest bei mir. Gestern waren zwei Hollaender da, die wurden bestuermt und bedraengelt, aber scheinbar hat sie das nicht so gestoert wenn die Kinder sie belagerten. Mich schon, weil das meine Bemuehungen darum, die Grenzen des anderen zu respektieren, ein bisschen unterminiert. Sagt man das so im Deutschen? Unterminiert? Klingt seltsam.
Wie auch immer, Krishna und Dhuja waren nicht so, sondern sehr zurueckhaltend am Anfang. Neulich war Dhuja krank und ich sollte sie mit nach Hause nehmen, damit sie mal einen Nachmittag Ruhe hat und schoen ausschlafen kann. Das hat sie dann auch gemacht und danach habe ich sie geduscht in einer kleinen Wanne (mit dem Eimer, draussen auf dem Hof in der Sonne). Das war ein unglaublich schoener Moment, sie so gluecklich zu sehen und wie sie das Wasser geniesst. Hab ihr Knisterbadeperlen zum Spielen gegeben (Moeff, wenn du das liest, schick das der Uschi, das war ihr Geburtstagsgeschenk fuer mich!!! Und toll war es und ist es noch! Danke) und ihr danach Laeuse entfernt. Ungefaehr 3 bis 4 hundert Nissen und ca. 20 Laeuse. Keine Uebertreibung. Wir haben eigentlich nichts besonderes gemacht, aber das muss grossartig gewesen sein fuer sie, diese gebuendelte Aufmerksamkeit.
Ich versuche eigentlich bei allen Kindern (mehr oder weniger gelungen), jedem ab und an ungteilte Aufmerksamkeit zu schenken, weil ich glaube, dass es sehr wichtig ist fuer ein positives Selbstbild, das Gefuehl erlebt zu haben, fuer jemanden etwas Besonderes zu sein, bzw.: besonderer (oder: mehr geliebt) als andere. Das mag unsozial klingen, aber im Prinzip ist Familie darauf aufgebaut – den Eltern sind die eigenen Kinder immer wichtiger als andere Kinder. Und dieses Gefuehl kann man relativ leicht vermitteln, finde ich. Zum Beispiel massiere ich manchmal den Kopf von nem Kind, das sich gerade die Haare waescht, das geniessen sie sehr und es ist ein wirklich ruhiger, intimer Moment, in dem das Kind sich voellig entspannt. Und danach ein bisschen gluecklicher wirkt, oder zufriedener. Weiss auch nicht, ich probiere gerade sehr viele Dinge aus und weiss nicht wirklich, was davon besser oder schlechter ist. Meistens habe ich das Gefuehl, intuitiv richtig zu liegen. Aber mit diesem Gefuehl kann man auch schoen falsch liegen. Und ich muss mich zwingen, Distanz zu wahren zu denn Kindern, denn immerhin (und das versuche ich mir staendig vor Augen zu halten) sind es NICHT meine Kinder – was ich Dhuja auch immer wieder sage. Und sie darauf: „Wenn du weggehst, werde ich dich sehr vermissen.“
Das staendige Weggehen weisser Bezugspersonen… da muss ich das naechste Mal drueber schreiben, weil es mich so wuetend macht. Akche hat vor ein paar Tagen gesagt (nachdem ein deutsches Maedchen, das ein paar Wochen hier war, wieder gegangen ist): „Du darfst nicht gehen, okay? Marisa ist weggegangen, aber du darfst nicht gehen!“ Das hat er bestimmt 4 Mal gesagt. Und ich plane, naechstes Jahr noch mal in Deutschland zu studieren…