Archiv der Kategorie 'Alltag in Indien'

Bilder.

In Indien komme ich nur sehr selten dazu, Bilder hochzuladen, und erst hier merke ich, wieviele Bilder ich eigentlich mittlerweile habe – und, wie schön alles auf Bildern aussieht :-) Also. Hier ein Bild.

Counting Sticks

Das Bild ist vom Juli 2008. Erinnere mich noch an diese ersten Versuche, den Lehrern zu zeigen, wie man Kindern anschaulich mathematische Grundkonzepte vermitteln kann. Mit sehr wenigen Materialien, auf engstem Raum und ohne pädagogische Vorkenntnisse. Wie war ich damals froh, als ich merkte, dass die Lehrer gerne lernen und sich freuen, neue Methoden auszuprobieren. Diese Freude spüre ich immer noch. Und immer noch habe ich das Gefühl, dass es so unglaublich viel zu tun gibt und wir, egal wieviel wir arbeiten, nie genug tun können. Gewöhnt man sich dran. Manchmal.

Abgehauen.

Anand

Das ist Anil (Name geändert), ungefähr 6 oder 7 Jahre alt. Beim Schleifen von Holzklötzen. Großartige Aktion. Schon ein paar Monate her, wohlgemerkt, aber mich graust’s jetzt noch vorm Schleifen. Als ich im Mai gegangen bin, war Anil schon zwei Monate nicht mehr da. Er ist aus dem Hostel ausgerissen, weil ein älterer Junge ihn geschlagen hat. Verfickt. Und ich war gerade nicht da. Anil hat ‘nen unglaublichen Gerechtigkeitssinn.  Wann immer er geweint hat oder ausgerastet ist, waren das Situationen, in denen er sich ungerecht behandelt vorkam (und: meist zurecht).  Als ich zu arbeiten anfing, stand er oft stundenlang (keine Übertreibung) vor Wut weinend oder beinahe weinend da und ließ sich nur schwer beruhigen. In den letzten Monaten bevor er wegging, kam das nur noch sehr selten vor, und dann fing er sehr schnell an zu reden und zu artikulieren, was ihn bedrückt und wütend macht und meist konnten wir es sehr schnell klären mit den betreffenden Kindern. Interessanterweise hat er selten Bock auf Film schauen. Wann immer die Kinder Filme schauen, kommt er zu mir und möchte irgendwas helfen. Besonders beliebt: Mit der Sprühflasche Spiegel saubermachen… Gestern beim Bilder-Durchklicken habe ich dieses Bild entdeckt und merke wieder, wie schlecht es sich anfühlt, nicht da zu sein. Wäre ich zu diesem Zeitpunkt nicht an der Uni, sondern im Hostel gewesen, hätte Anil sich sicherlich bei mir beschwert über den Jungen, der ihn geschlagen hat. Und wäre nicht abgehauen. Als ich ihn später zufällig auf der Straße getroffen habe, und er mir erzählte, was passiert ist, meinte er: „Er hat mich geschlagen und der Erzieher hat nichts gemacht.“ Das hätte anders laufen müssen – und ich kann mir nicht einreden, dass ich nicht verantwortlich bin. Anil ist mittlerweile wie die meisten Kinder aus dem Hostel mit seiner Familie zur Reisernte aufs Dorf gefahren, ich hoffe, er kommt gemeinsam mit den anderen Kindern zurück.

Ist auch nicht das erste Mal, dass er abgehauen ist und wieder anfing Müll zu sammeln. „Da kann ich mir mein eigenes Essen kaufen und immer Süßigkeiten essen und muss nicht zur Schule gehen!“ Wohlgemerkt, er geht nicht in die Jeevan-School, sondern wie die meisten Kinder aus dem Hostel auf Privatschulen. Diese sind allerdings um einiges schlechter als unsere Schule, doch mittlerweile haben wir nicht mehr die Kapazitäten, um die Hostel-Kinder zurückzuholen. Anil geht sogar mit drei anderen Kindern auf eine der besseren schlechten Privatschulen. D.h. er wird nur selten geschlagen und die Bücher sind ein bisschen besser als in den anderen Schuen. Allerdings wird dermaßen streng auf den Sitz der Schlipse, saubere Schuhe, Pünktlichkeit und Disziplin geachtet, dass kaum verwunderlich ist, dass Anil, der bisher ein sehr unregelmäßiges Straßenleben führte, ständig angeschrieen wird und irgendwelche dämlichen Strafen erhält. Was mir da einfällt – und wie auch immer man das interpretieren möchte: Anil ist der Beste in seiner Klasse, und das will was heißen. Ich frage mich, wie überhaupt irgendein Kind irgendetwas lernen kann in so einer beschissenen Schule. Dass er es aushielt, für seine Verhältnisse so regelmäßig zur Schule zu gehen.

Könnte heulen.

Bishnoi

Als ich mal wieder mit dem Kamel durch die Wueste ritt, merkte ich, dass an der Fuehrleine meines Kamels ein Mann angebunden war. Daher bemuehte ich mich um ein Gespraech und siehe, wer haette das gedacht, folgendes hat er mir erzaehlt:

Seine Name ist vielleicht Duna, vielleicht aber auch nicht. Duna ist ungefaehr Mitte dreissig und hat Frau (Name vergessen, wie bezeichnend) und vier Kinder: Shubam, Ashok und Khana (ja, das heisst „Essen“, fand Duna lustig, als ich mich gewundert habe) und Sangita. Er spricht Hindu und Marwari, den oertlichen Dialekt. Sein aeltester Sohn ist mit 10 Jahren schon laengst verheiratet und geht in die vierte Klasse der Dorfschule, die gluecklicherweise keine 2 Minuten von seinem Haus entfernt ist. Sein Haus liegt mitten in der Wueste in Rajasthan (ja, die Wueste hat einen Namen, und ja, ich weiss ihn nicht und auch der Name seines Dorfes ist mir entfallen, liegt in der Naehe von Osian), umgeben von ein bisschen Gestruepp, einigen Wuestenbaeumen und viel Sand. Nicht zu vergessen die paar hochgewachsenen, bluehenden Straeuchern vor den Lehm- oder Steinhaeusern.

Duna gehoert zum Stamm der Bishnois, einer Hindusekte, die im 15 Jahrhundert von einem heiligen Typen gegruendet wurde, der offensichtlich auf seine ganz eigene Weise der Hygiene huldigen wollte und daher 29 Regeln aufgestellt hat, die den guten Menschen von den boesen Menschen und Bakterien schuetzen soll. Hier findet man auch die bereits im Alten Testament beliebte Aussage ueber die unreine menstruierende Frau, die, sobald die monatliche Blutung anfaengt, fuer 5 Tage vom Haushalt entfernt wird. Abgesehen von solchen Spaessen klingen ein paar Regeln zumindest nachdenkenswert. Es duerfen keine Baeume gefaellt werden, das Leben eines Baumes wird genauso hoch geachtet wie das Leben eines Menschen (daher gehoeren die Bishnois zu den wenigen Hindus, die ihre Toten begraben – Mangel an Feuerholz, wir verstehen uns) und schon oefter haben Bishnois sich selbst geopfert, um einen Baum vor dem Faellen zu bewahren. Ausserdem soll jeder Bishnoi einen Zufluchtsort schaffen fuer maennliche Herdentiere (Ziegen, Schafe, Kuehe, Bueffel), die ansonsten geschlachtet und gegessen wuerden. Natuerlich duerfen die Jungs und Maedels selbst auch kein Fleisch essen, waere ja auch gelacht.

Was mein netter Kamelhaargeselle mir nicht erzaehlt hat, war, dass laut Statut Nummer 24  auch Opiumkonsum verboten ist. Ist ihm wohl entfallen. Will er vielleicht auch nicht wahrhaben, weil Opium fuer ihn Zeichen der Gastfreundschaft ist und bei jeder grossen Feier getrunken wird. Er meinte, dass Opium grossartig ist, wenn man total fertig ist und aber noch mehr arbeiten muss. Man muss nur vorsichtig sein, nicht zuviel zu nehmen, damit man nich abhaengig wird, was trotzdem immer wieder mal vorkommt. Und man sollte nicht direkt vor dem naechsten Polizisten trinken. Die wissen zwar, dass Opium traditionell dazu gehoert, druecken auch ein paar Ohren zu, aber fuer die Statistik versuchen sie trotzdem ab und an jemanden zu erwischen.

Der angeblich letzte Anlass zum Opiumtrinken bei ihm: Die Hochzeit seines aeltesten Sohnes Shubam vor 2 Jahren. Die Kinder werden so im Alter von 5-8 verheiratet und dann zurueck in das eigene Elternhaus geschickt, bis sie so ungefaehr 16 (w.)/20 (m.) sind, dann kommt die Frau ins Haus ihres Mannes. Zur Hochzeit kauft der Brautvater seiner Tochter Schmuck im Wert von 2-300000 Rupees (so 4-5000 Euro). Toechter lohnen sich also finanziell kaum, interessantererweise hatte Duna drei Soehne und nur die kleinste ist ein Maedchen. Tja, da koennte man schlechtes dahinter vermuten. Die Kinder wachsen also im Wissen, bereits verheiratet zu sein, heran. Shubam besucht oefters sein Frauchen und spielt mit ihr. Ich hoffe, ich muss nicht erwaehnen, dass an Scheidung noch nicht einmal gedacht wird. Konnte als Frau schlecht ueber das Thema Liebe und Sex reden, aber da ich kuerzlich erst erfahren habe, dass in keiner indischen Sprache das Wort „Orgasmus“ existiert, ist ja klar was da fuer die Frau laeuft.

Die maennlichen Bishnois erkennt man daran, dass sie zwei Ohrstecker tragen (sah fuer mich aus wie Bluemchen, man weiss ja nie). Die weiblichen Bishnois (zumindest die, die ich gesehen habe), erkennt man daran, dass sie in den Kuechen der maennlichen Bishnois sitzen.

Duna verdient als Kamelfuehrer angeblich 2500 Rupees (ungefaehr 40 Euro) im Monat, aber das ist wohl bei einem Tagesverdienst von 300 Rupees, wie ich ihn vermute (Kamelfahren kostet den fleischfressenden Weissen so einiges Geld) leicht untertrieben. Ich vermute, er befuerchtete, dass ich ihn fuer reich halten wuerde, wuerde er sagen, was er wirklich verdient. Sein Lohn reicht auf jeden Fall nicht, die Kinder auf eine ordentliche Schule, in der auch Englisch unterrichtet wird, zu schicken, was ihn ziemlich wuetend macht, weil die Kinder spaeter als Kamelfuehrer viel mit nur englischsprechenden Touristen zu tun haben werden.

Mehr faellt mir nicht ein. Hab das auch nur aufgeschrieben, weil mein Zug von Delhi nach Varanasi einfach gestrichen wurde und ich jetzt hier in Pahar Ganj waehlen kann zwischen einkaufen, mit dreckigen Auslaendern flirten, Fernseh gucken oder ins Internet gehen…welch ein Leben.

Nach so langer Zeit

Ich sitze gerade an meinem (dank Fini und Nadine) neuen Laptop und schreibe, waehrend mein Dozent doziert. Dabei wuerde ich gerade so gerne einschlafen. Doch wenn die Uni vorbei ist, muss ich nach Hause, Waesche waschen, aufraeumen und zwei Stunden spaeter schon wieder im Hostel sein – Badminton spielen, Hausaufgaben machen, Kinder knuddeln und Wunden angucken und versuchen, den Lautstaerkepegel so niedrig zu halten, dass meine bereits vorhandenen Kopfschmerzen nicht noch groesser werden…

Schoen oefters habe ich erwaehnt, wie wenig Zeit ich habe, aber wenn immer ich so etwas schreibe, scheint daraufhin die Arbeit noch mehr und die Freizeit noch weniger zu werden. Diesen Sonntag hatte ich den ersten freien Tag seit Wochen, obwohl es eine Reihe gesetzlicher Feiertage gab, aber die haben wir damit verbracht, die Schule zu renovieren – erst geweisst, dann mit Lackfarbe gestrichen, damit wir die Wand immer schoen abwischen koennen, zumindest bis zu einer bestimmten Hoehe. Das war teurer als erwartet und hat auch laenger gedauert, als wir gehofft hatten. Aber es war eine schoene Zeit und obwohl wir noch lang nicht fertig sind, sieht es schon echt toll aus. (Foto folgt).

Vor drei oder vier Wochen bekamen wir ueberraschend Besuch von Jessica, der Gruenderin der Schule. Zu diesem Anlass haben die Kinder ein eigenes Abendprogramm gestaltet, mit englischen Liedern, indischen Taenzen, Hindi- und English-Theaterstuecken. Wir hatten gerade mal 1 Tag zum Planen und 3 Tage zum Vorbereiten. Und: Es war wunderschoen, der Klassenraum war die Buehne und die Zuschauer sassen auf dem Boden davor, wo die Kinder Matten ausgelegt waren. Es kamen ungefaehr 150 Leute und die Kinder waren nicht nur aufgeregt, sondern auch grossartig. Die Waende der „Buehne“ hatten Fini und Nadine schnell noch weiss gestrichen und wir haben das Ganze mit Blumengirlanden geschmueckt und noch ein schoenes Tafelbild gemalt. Alles sehr einfach, aber mit dem Licht abends sah es umso beeindruckender aus. Leider hab ich grade keine Fotos da. Tja.

Ein kleines Maedchen (1,5 Jahre alt), das mit ihrer groesseren Schwester manchmal in die Schule kommt, ist ins Feuer gefallen und hat sich (immerhin nur) den Fuss verbrannt. Die Eltern haben zwei Tage gewartet, und sie dann mit der Schwester zu uns geschickt. Der Bereich um die Zehen und die Ballen ist schwarz verkohlt und geteilt, so dass man innen in das Fleisch gucken kann. Es roch extrem nach Verwesung, wie ein toter Hund, der mehrereTage am Strassenrand lag. Hab die beiden sofort mit einer Lehrerin ins Krankenhaus geschickt, die meinten, es waere kritisch, sie solle jetzt jeden Tag kommen, moeglicherweise muesste man den Fuss abnehmen. Und zwei Tage lang haben wir nichts mehr von dem Maedchen gehoert! Zum Kotzen. Heute kamen ihre Eltern und ich habe ihren Fuss angeschaut – mittlerweile kann man den grossen vom benachbarten Zeh nicht mehr unterscheiden. Die Eltern wollten „nur mal“ Bescheid sagen, dass sie jetzt fuer 4 Tage weggehen, in eine andere Stadt, zu einem religiösen Festival, wo sie betteln gehen. Shilu hat sie nach laengerem Ueberreden dazu gebracht, die grosse und kleine Schwester hierzulassen, im Hostel, damit das Maedchen regelmaessig ins Krankenhaus gehen kann. Die Eltern haben zugestimmt, gemeint, sie holten noch schnell die Anziehsachen und kaemen dann wieder. Nach einer halben Stunde hat Shilu eine Lehrerin hingeschickt – und es war niemand mehr da. Ich haette heulen koennen, aber so geht das leider nicht, wenn lauter Kinder um einen rum stehen. Wie kann man nur so unglaublich dumm und ignorant sein!? Und man hat gesehen, dass sie uns nicht geglaubt haben, fuer sie das ganze nicht halb so dramatisch war. Und wer wird denn erfolgreich betteln gehen koennen, wenn keine kleinen Kinder einem am Arm haengen? Ich bin so unglaublich wuetend und haette ihnen gerne das Grinsen aus der Fresse geschlagen.

Kaempfe

Interessante Woche.

Aksche (ca. 11, ein Junge aus dem Internat) hatte 4 Tage ununterbrochen hohes Fieber, der Arzt verschrieb ihm irgendein Fieberantibiotikum und Aksche lag zu Hause rum und nichts besserte sich. Am Freitag bin ich mit ihm zu nem Homoeopathie-Doktor gegangen, den ich neu entdeckt habe (und der mein Bild von den indischen Aerzten um einiges gebessert hat). Der hat ihn 20 Minuten lang genau untersucht und festgestellt, dass Aksche eindeutig Malaria hat. Hat auch gleich Medizin verschrieben, die er alle vier Stunden nehmen musste. Nach zwei Tagen Medizineinnahme war das Fieber weg und wir erleichtert. Dann kam Aksches Grossvater vorbei, hoerte, dass er Malaria hat und meinte: „Bei Aksche hilft Medizin nicht, er braucht ein spezielles Mantra und eine spezielle Puja!“ Ich war nicht dabei, als er das sagte, sonst haette ich ihm wohl die Beine ausgerissen. Mit Mantra. Shilu hat gemeint, dass der Opa Aksche mit nach Hause nehmen solle, Puja (ein religioeses Ritual) machen solle und ihn dann wieder bringen. Wer taucht nicht auf fuer die naechsten zwei Tage? Klar. Shilu hat ihn noch mal zu Hause besucht, aber da hilft Ueberreden nichts, wenn medizinisches Wissen aus „dem-neugeborenen-Kind-schmeissen-wir-Kuhscheisse-auf-den-Nabel“-Bereich stammt. Ja. Heute war Shilu nochmal bei Aksche und hat ihn dann einfach mitgenommen. Denn Aksche hat wieder Fieber. Wer haette das gedacht. D.h. noch mal zum Arzt rennen und zwei Euro bezahlen. Bei ‘nem Monatsbudget von 20 Euro fuer Medizin (fuer jetzt 28 Kinder).

Die Kinder im Hostel haben einen Geist gesehen! Shilu meinte, da flatterte ein Stofftuch vor dem Fenster und der Junge ist in der Nacht aufgewacht und hat gedacht, es waere ein Geist. Und hat allen von dem riesengrossen Gespenst erzaehlt. Und alle haben es geglaubt!!!!! Ich dachte, ich fasse es nicht. Sie haben doch tatsaechlich eine Geistvertreibungspuja gemacht und so ein Segensding im Tuerrahmen aufgehaengt. Was will man da noch sagen?

Seit einer Woche versuche ich, systematisch Gottes Kreaturen zu toeten. Habe aus Deutschland diesen tollen Nissenkamm aus der Apotheke mitgebracht, eine (wenn das nicht nach „DEUTSCH“ klingt) Liste angelegt und versuche nun, jedes Kind mindestens einmal pro Woche ganz zu entlausen und zu entnissen. Den Rekord haelt immer noch Duja mit ihren 300-400 Nissen, aber gestern hatte ich ein Maedchen, das hatte ungefaehr 35 sich bewegende Laeuse, das verdient auch Erwaehnung. In meinem Laeusekamm haengt dann neben Nissen und Laeusen auch: Alter Schorf, Popel, undefinierbare schwarze Klumpen, Fussel und was man sonst noch so unter „Dreck“ versteht.

Da faellt mir passend dazu ein: Ich habe eine Furunkel, obgleich ich mir nicht sicher bin, ob das der richtige Ausdruck ist, hier heisst es einfach „Beule“. Vor einer Woche fing an meinem Oberschenkel ein pickelaehnliches Teil an, sehr weh zu tun. Der Arzt hat mich ausgelacht und meinte, an sowas muesse ich mich in Indien gewoehnen. Danke auch. Deshalb hab ich mich die naechsten Tage erst mal nicht mehr hingetraut, obwohl das Ding immer mehr gewachsen ist. In der Mitte war es schwarz und die Haut aussen dran war ganz sehr geroetet. Irgendwann war das ganze faustgross und mein Oberschenkel nett angeschwollen. Ach, habe vergessen, die Schmerzen zu erwaehnen. Mir ist wieder dieser Satz eingefallen, dass man unter Schmerzen alles gestehen wuerde und ich glaube, dass das stimmt. Gestern hab ich mich dann wieder zu meinem Arzt getraut und der hat sich erschrocken und versucht, mir zu erklaeren, dass er dachte, ich haette nen einfachen Pickel am Bein. Hat mir Pillen gegeben, die die Beule oeffnen sollen, das haben sie dann auch schnell getan und seit gestern Abend laeuft kontinuierlich Eiter aus meinem Bein. Leider kann ich nicht so sehr pressen, wie ich das gerne taete, weil es erstens verdammt weh tut und zweitens es nicht so schnell laufen moechte, wie ich das gerne haette. Mal sehen, wie lange das dann dauert, bis es wieder zuwaechst. Immerhin habe ich nette Medizin fuers Zuwachsen und da jetzt der Druck weg ist, tut es auch nicht mehr so sehr weh (wenn ich nicht gerade drueck). Meine Ekelgrenzen sinken.

Zur Zeit gibt es sehr viele Skorpione („sehr viel“ bedeutet hier: gemessen an der durchschnittlichen Anzahl von Skorpionen, die mir in Deutschland begegnen), zwei Kinder wurden schon gestochen und gestern habe ich meinen ersten eigenen Skorpion getoetet. Der war auf dem Dach meines Hauses (d.h.: vierter Stock), da wo wir immer schlafen. Grossartig. Immerhin lassen sie sich sehr leicht erschlagen, haette gedacht, er waere hartnaeckiger.

Heute morgen kam ein Mann in die Schule und fragte mich, ob ich mal komme und seine Mutter anschaue, der es sehr schlecht geht und er weiss nicht, was er machen soll usw. Er war offensichtlich arm und pan-abhaengig, ich vermute, ein Thali-Fahrer (Fahrrad mit Haenger hintendran). Ich hab ihn gefragt, wo er denn wohnt, das war aber zu weit weg, um da mal eben so hingehen zu koennen. Shilu meinte, er solle morgen wiederkommen, weil dann Dr. Ashish kommt und die Sozialklinik aufhat. Da hat sich der Mann wieder an mich gewendet und war total verzweifelt und meinte, es sei ganz dringend, seine Mutter haette schon seit 20 Tagen nichts gegessen und der Bauch sei total aufgequollen und heute morgen wollte sie aufstehen, war aber so schwach, dass sie hingefallen sei. Habe versucht, ihm zu erklaeren, dass es nichts helfen wuerde, wenn ich mir seine Mutter anschaue, weil ich keine Aerztin bin, aber das hat er wohl nicht verschwanden. Er ist dann gegangen und erst dann habe ich mitbekommen, dass er seine Mutter bereits mitgebracht hatte (auf einem Thali). Da bin ich natuerlich zu ihr gegangen, nur mal gucken, um den Mann zu beruhigen und mich auch und puenktlich als ich beim Fahrrad angekommen war, fing die Frau auch an zu stoehnen. Das Stoehnen wiederum kam mir sofort bekannt vor: So stoehnen die Kinder von der Strasse, wenn sie noch nicht lange im Hostel waren und aus Familien kommen, in denen ihre Beduerfnisse grundsaetzlich ignoriert werden. Sie haben so eine Art Dauerwimmern entwickelt, speziell fuer Krankheiten, das zu einem Heulen anschwillt, wenn ein potentieller Helfer ankommt. Das es der Frau verdammt schlecht ging, laesst sich nicht anzweifeln, ihr Bauch war wirklich geschwollen, wenn auch nicht uebermaessig und sie ist auf jeden Fall unterernaehrt. Habe Shilu gefragt, ob wir ihr zumindest Schmerzmittel bis morgen geben koennten und er meinte, dass das keine gute Idee sei. Wuerde in der Nacht irgendetwas Schlimmes passieren, wuerden die Leute das auf die Medizin, die wir ihnen gegeben haben, schieben und ausflippen.

Ich hasse Dummheit.

Puja

Es gibt ein paar Kinder im Hostel, die immer wieder mal wegrennen, zurueck auf die Strasse zu ihren „Freunden“. Puja (ca. 12) ist in letzter Zeit mehrmals fuer ein paar Tage verschwunden, einmal habe ich sie auf Lanka betteln gesehen, sie hat sich entsprechend geschaemt und ist schnell weiter gegangen. Am naechsten Tag war sie wieder im Hostel.

Das Problem ist nicht so sehr dieses Wegrennen, denn sie kommen immer wieder, sondern die Umgebung, in der sie dann leben – das ihre Freunde und Familie arm sind, ist grundsaetzlich nicht stoerend. Gefaehrlich ist, was diese Armut mit sich bringt: Die Kinder kommen jedesmal voellig verlaust und mit den seltsamsten Krankheiten bestueckt wieder zurueck, ganz oft haben sie Fieber. Puja hat jetzt gerade einen Ganzkoerperausschlag und Laeuse, mit denen man Fleischgeschmack in ‘ne Suppe bekommen koennte. Zudem sind ihre Freundinnen (alle so zwischen 11 und 15) Prostituierte. Nicht in der professionellen Variante. Sie gehen abends mit irgendwelchen Maennern in die Wildnis, lassen Sex mit sich machen und bekommen dafuer (neben netten Krankheiten) zwischen 40 und 60 Cent. Das ist mehr, als man durch Betteln oder Muellsammeln am Tag verdienen kann und daher nicht nur fuer die Eltern, die das wissend tolerieren, eine interessante Einkommensvariante. Auch fuer Jungs bzw. Maenner ist das – in der Rolle des „Kontakte-Vermittlers“ gewinnbringend. Die Maedchen werden dann mit 12-15 Jahren verheiratet und kein Hahn kraeht mehr nach ihnen (netter Spruch). Soweit ich das einschaetzen kann, ist Puja da noch nicht „im Feld“ gewesen, aber wenn sie nicht den Absprung schafft, ist es nur eine Frage der Zeit (auch ein netter Spruch, Plattheiten besuchen mich immer dann, wenn ich sie gerne vermeiden wuerde).

Dummerweise koennte sie gut Geld verdienen mit Prostitution und ich hoffe, die Aengste bleiben groesser als das Verlangen nach Geld, die Neugier und die Ueberredenskuenste ihrer Freundinnen. Puja ist wunderschoen, sieht eher afrikanisch aus und ist relativ gross fuer den indischen Durchschnitt. Irgendwie erinnert sie mich an ein Reh. Sieht man sie auf der Strasse, koennte man denken, sie ist ein anderer Mensch – ich dachte zunaechst, dass es ihre Schwester sei. Die Schoenheit ist dann verschwunden irgendwie und es bleibt einzig diese abstossende Aufdringlichkeit, die man wahrnimmt. Man bekommt das Gefuehl, als ob sie alle Menschen nur als potentielle Einnahmequelle betrachtet. Am schlimmsten fuer mich ist es, die Verwandlung zu sehen zwischen dem Maedchen, das sie ist, wenn sie auf der Strasse ist und dem Maedchen, das sie ist, wenn sie im Hostel ist.

Andererseits bedeutet das natuerlich auch: Die anderen Maedchen auf der Strasse, denen ich begegne und nicht kenne und die in mir auch dieses Gefuehl des Abgestossen-Seins erwecken, haben auch das Potential der positiven Verwandlung, wuerden sie nur in einer anderen Umgebung sein. Versuche immer noch zu verstehen, was die Kinder dazu bewegt, wieder zurueck zu gehen auf die Strasse. Gibt es natuerlich viele Theorien dazu, aber es wirklich zu VERSTEHEN, ist verdammt schwer, finde ich.

Buecher

Shilu und ich waren vorgestern mit seinem Motorrad unterwegs und haben Hindi-Buecher gekauft, weil Kathrin (sie ist Inderin, Christin, daher ihr Name) mit dem Hindiunterricht nicht klar kommt. Und mich um Hilfe gebeten hat. Alleine deshalb wollte ich ihr helfen, weil ich es grossartig finde, dass endlich mal ein Lehrer zugibt, nicht zurecht zu kommen. In der Southpoint School war ich umgeben von mehr oder weniger unqualifizierten Lehrern (Priya war die Ausnahme) und jeder erweckte in den Meetings den Eindruck, Herr der Lage zu sein – niemand war es. Wenn ich mit den Lehrerinnen alleine geredet habe, beschwerten sie sich staendig ueber die zu viele Arbeit, die Probleme mit der Fuelle des Lehrplans (bzw. dessen Einhaltung), Schwierigkeiten mit bestimmten Schuelern. Aber wenn solche Dinge im Team offen kommuniziert werden wollten, herrschte beredtes Schweigen.

Wie auch immer, jetzt gibt es Hindi-Buecher. Und zwar sehr gute, vom Erziehungsministerium. Der Held des ganzen (hab seinen Namen vergessen) hat vor ein paar Jahren angefangen, die Buecher voellig umschreiben zu lassen, damit selbst Kinder, die von schlechten Lehrern unterrichtet wuerden, die Moeglichkeit besaessen, sich selbst zu bilden. Hat er gesagt. Und 2006 eine neue Version der offiziellen Regierungsschulbuecher rausgebracht – fuer 50 cent das Stueck. Die sind qualitativ extrem hochwertig, so im Vergleich zum viel teureren Buecherschrott, der hier im Umlauf ist. Aber auch hier gibt es die interessante Auffassung, dass nur das RICHTIG gut sein kann, was teuer ist. Daher benutzen die meisten oeffentlichen Schulen andere (also: teurere) Buecher, die weniger kindgerecht, weniger fachgerecht und weniger schoen sind. Daemlich.

Sylvia, meine franzoesische Nachbarin, hat in Frankreich eine NGO gegruendet, die indische Ngos mit Buechern ausstatten will. Dafuer bekommt sie nicht nur Bargeld von dort, sondern hat auch eine Buecherlieferung mit tausenden von Buechern bekommen (Ubertreibung, es sind nur tausend, glaube ich). Und sie bezahlt die neuen Schulbuecher fuer die Kinder und demnaechst gehen wir Kinderbuecher einkaufen. Juhu!!!

Ich hab mir auch ein Buch gekauft, naemlich ein Hindi-English-Woerterbuch, weil meins verschwunden ist. Und ich muss endlich mal an meinem Hindi arbeiten, es beschaemt mich immer wieder, wenn ich wuetend bin und die daemlichsten Fehler mache, weil ich so aufgeregt bin bzw. mir mal wieder nicht auf Hindi einfaellt, was ich gerne sagen will. Oder die Kinder mich nach Uebersetzungen fragen und ich ihnen nicht helfen kann, weil mein Hindi nicht so gut ist. Ich brauche mehr Zeit.

Die Kinder, besonders Laxmi und Krishna, waren voellig vertieft in ihre neuen Lehrbuecher. Die Buecher bauen vorwiegend auf Geschichten und Gedichten auf, so aehnlich wie mein Englischunterricht, nur in bunt. Da die Kinder der aelteren Gruppe (Senior Group = SG) in Hindi den Klassenstufen 3-5 entsprechen, hat jeder ein Buch entsprechend seines Levels erhalten. Mein Hindiunterricht (eigentlich ist es eine Schande, dass ich das unterrichte, verstehe die meisten der Texte kaum) lief heute so ab: Jedes Kind hat seine erste Geschichte gelesen und danach ein paar Fragen aus dem Buch, das Arbeitsheft und Lehrbuch in einem ist, beantwortet. Danach durfte dann aus jeder Gruppe ein Kind seine Geschichte erzaehlen. Das war sehr schwierig fuer die Kinder, die ein Gedicht hatten. Sie haben dann erst das Gedicht vorgelesen und ich hab ein paar Fragen in mehr oder weniger gutem Hindi gestellt. Klingt nicht so spannend, war es auch nicht. Ist halt nicht meine Sprache…und Kathrin hatte genug zu tun mit der Junior Group (SG). Ich hoffe, das klingt jetzt nicht so muede und fertig, wie ich mich fuehle. Es war ein schoener Tag in der Schule. Bis jetzt ist jeder Tag schoen gewesen. Komisch.

Ein Kind (Dhuja, 7) hat mir gesagt, dass ich ab jetzt seine Mami bin. Und das erzaehlt es ueberall herum, und: dass Shilu ihr Papa ist. Sie wohnt im Hostel, hat fuenf Geschwister und die Mutter will sie nicht daheim haben, weil sie beim Arbeiten im Haushalt stoert… An Tagen, an denen sie heimdarf, nimmt die Mutter sie manchmal nicht mit, sondern nur den grossen Bruder (Krishna, 10). Dhuja und Krishna waren erst relativ gleichgueltig mir gegenueber. Nein, nicht wirklich gleichgueltig, sie waren nur nicht so klammernd wie die Kinder aus den Bettelfamilien. Sie  keine Distanz und haengen sich einfach die ganze Zeit an einen dran, ohne ein „Nein“ zu respektieren. Am Anfang war ich sehr streng zu ihnen, hab ihnen grundsaetzlich verboten, mich anzufassen (auch an der Hand), weil sie nicht differenzieren konnten zwischen Zeiten, in denen man Naehe suchen kann und Zeiten, in denen das nicht geht (wenn ich in einer anderen Klasse unterrichte). Ich vermute, dass sie durch das staendige Betteln daran gewoehnt sind, die Grenzen anderer Menschen zu ignorieren – wer wuerde ihnen sonst Geld geben, wenn sie nicht verdammt aufdringlich waeren?

Mittlerweile hat sich das ein wenig gelegt und meistens koennen sie akzeptieren, wenn ich „Nein“ sage und weggehe (ich gehe ja auch nicht einfach so, sondern erklaere ihnen, warum ich gehe) und sie haben dieses aufdringliche, bettelnde Verhalten abgelegt. Zumindest bei mir. Gestern waren zwei Hollaender da, die wurden bestuermt und bedraengelt, aber scheinbar hat sie das nicht so gestoert wenn die Kinder sie belagerten. Mich schon, weil das meine Bemuehungen darum, die Grenzen des anderen zu respektieren, ein bisschen unterminiert. Sagt man das so im Deutschen? Unterminiert? Klingt seltsam.

Wie auch immer, Krishna und Dhuja waren nicht so, sondern sehr zurueckhaltend am Anfang. Neulich war Dhuja krank und ich sollte sie mit nach Hause nehmen, damit sie mal einen Nachmittag Ruhe hat und schoen ausschlafen kann. Das hat sie dann auch gemacht und danach habe ich sie geduscht in einer kleinen Wanne (mit dem Eimer, draussen auf dem Hof in der Sonne). Das war ein unglaublich schoener Moment, sie so gluecklich zu sehen und wie sie das Wasser geniesst. Hab ihr Knisterbadeperlen zum Spielen gegeben (Moeff, wenn du das liest, schick das der Uschi, das war ihr Geburtstagsgeschenk fuer mich!!! Und toll war es und ist es noch! Danke) und ihr danach Laeuse entfernt. Ungefaehr 3 bis 4 hundert Nissen und ca. 20 Laeuse. Keine Uebertreibung. Wir haben eigentlich nichts besonderes gemacht, aber das muss grossartig gewesen sein fuer sie, diese gebuendelte Aufmerksamkeit.

Ich versuche eigentlich bei allen Kindern (mehr oder weniger gelungen), jedem ab und an ungteilte Aufmerksamkeit zu schenken, weil ich glaube, dass es sehr wichtig ist fuer ein positives Selbstbild, das Gefuehl erlebt zu haben, fuer jemanden etwas Besonderes zu sein, bzw.: besonderer (oder: mehr geliebt) als andere. Das mag unsozial klingen, aber im Prinzip ist Familie darauf aufgebaut – den Eltern sind die eigenen Kinder immer wichtiger als andere Kinder. Und dieses Gefuehl kann man relativ leicht vermitteln, finde ich. Zum Beispiel massiere ich manchmal den Kopf von nem Kind, das sich gerade die Haare waescht, das geniessen sie sehr und es ist ein wirklich ruhiger, intimer Moment, in dem das Kind sich voellig entspannt. Und danach ein bisschen gluecklicher wirkt, oder zufriedener. Weiss auch nicht, ich probiere gerade sehr viele Dinge aus und weiss nicht wirklich, was davon besser oder schlechter ist. Meistens habe ich das Gefuehl, intuitiv richtig zu liegen. Aber mit diesem Gefuehl kann man auch schoen falsch liegen. Und ich muss mich zwingen, Distanz zu wahren zu denn Kindern, denn immerhin (und das versuche ich mir staendig vor Augen zu halten) sind es NICHT meine Kinder – was ich Dhuja auch immer wieder sage. Und sie darauf: „Wenn du weggehst, werde ich dich sehr vermissen.“

Das staendige Weggehen weisser Bezugspersonen… da muss ich das naechste Mal drueber schreiben, weil es mich so wuetend macht. Akche hat vor ein paar Tagen gesagt (nachdem ein deutsches Maedchen, das ein paar Wochen hier war, wieder gegangen ist): „Du darfst nicht gehen, okay? Marisa ist weggegangen, aber du darfst nicht gehen!“ Das hat er bestimmt 4 Mal gesagt. Und ich plane, naechstes Jahr noch mal in Deutschland zu studieren…

Viel zu tun.

Jetzt ist der Monat fast schon wieder vorbei und ich hab immer noch nichts geschrieben. Die Zeit vergeht so schnell und es erscheint mir irgendwie so belanglos, das was ich erlebe dann noch aufzuschreiben. Ausserdem war der Strom in letzter Zeit sehr oft nicht da, wo ich war und ich konnte den Uni-Pc nicht benutzen. Heute gibt es auch keinen Strom an der Uni, aber ich muss unbedingt den Wochenplan machen und bin deswegen in ein Internetcafe gefahren – und schreibe hier rum, anstelle zu arbeiten… well.

Die Uni laeuft seit zwei oder drei Wochen und ab dieser Woche scheint es sogar spannend zu werden. Heute war ein visiting scholar aus der History-Faculty da und hat ueber die Welt nach dem 2. Weltkrieg geredet. Schulniveau, aber nett so als Wiederholung. Wenn er nicht in diesem krassen indischen English geredet haette, das ist immer wieder schwer zu verstehen. Aber immerhin war sein English grammatikalisch gut. Nach dem billigen Geplaenkel der anderen beiden Dozenten in den letzten Wochen eine nette Abwechslung. Morgen kommt ein Professor aus Stanford und redet ueber den Darfur-Konflikt.

My timetable has changed. Ich schlafe jetzt vier Mal die Woche im Hostel und unterrichte drei Mal pro Woche Badminton. Das Hostel ist eine Art Internat fuer Kinder, die entweder keine Eltern haben oder von ihren Eltern nicht angemessen unterstuetzt werden koennen. Sie leben dort permanent und bekommen Kleidung, Essen, Schulbedarf und Spielsachen. Im Prinzip ist es wie eine grosse Familie , die fast nur aus Kindern besteht, im Moment 25. Die Kinder sind drei bis 16 und gehen auf oeffentliche Schulen (d.h. nicht in die Schule, in der ich unterrichte). Mittag essen sie bei mir in der Schule und sie feiern auch die staendigen Feste mit den Schulkindern. Bleibt noch zu sagen, dass sich das Internat aus den Kindern meiner Schule rekrutiert (falls man das so formulieren kann). Rahul z.B., vielleicht 10 Jahre alt, war bis vor kurzem noch in der Junior Group in meiner Schule und wohnte bei seinen Eltern auf der Strasse in einem dieser Abwasserkanaele. Seit einer Woche wohnt er im Hostel und man erkennt bereits die ersten Veraenderungen – Oel in den Haaren :-)

Im Hostel gibt es einen Raum fuer die Jungs, einen fuer die Maedchen, einen Lernraum, einen Essensraum und einen Materialraum. Plus winzige Kueche und Flur. Das ganze verteilt auf drei Etagen und in einem grob verputzten Rohbau, den scheinbar niemand fertigstellen will… schoen ist das. Klos gibt es auch zwei. Die stinken noch nicht mal immer. Nur wenn in der Nacht oder manchmal auch am Tag die kleinen Kinder drauf gehen und nicht spuelen und danebenpissen. Oder das Wasser nicht da ist und niemand Wasser von der Pumpe geholt hat.

Ich finde nicht die passenden Worte, um zu beschreiben, wie unglaublich toll das Leben mit den Kindern ist. Mein Gott, wie schleimig. Gerade fuehre ich das beinah perfekte Leben… Geige, Uni, toller Job, grossartige Kinder. Habe ich erzaehlt, dass letzte Woche die Strassen ueberflutet waren? Das Wasser ging mir bis zu den Oberschenkeln und ich habe mein Fahrrad durch den Strassenfluss geschoben. Gegen den Strom zu laufen ist schwierig, erst recht dann, wenn einem Pflanzen und Plastiktueten mit Muell drin zwischen den Fahradspeichen haengen bleiben. Die „Haeuser“ von den Leuten auf der Strasse wurden weggespuelt, bzw. durchgespuelt (die Kanalrohre) und die Familien sind voruebergehend in Baustellen oder auf Podeste gezogen. Heute ist es unglaublich heiss, vielleicht, um den vielen Regen wieder gut zu machen.

So. Ich widme mich jetzt der naechsten Woche, nein, der jeztigen Woche (auf Grund Krishnas Geburtstag war am Samstag die Uni zu und ich konnte den Wochenplan nicht machen).

Ich habe einen Freund!

Oh, ist er nicht wunderschoen? Gestern hatte ich krassen Durchfall und bin zu Hause geblieben und da lag er ploetzlich auf meiner Bambusmatte auf der Terasse und hat geschlafen. Als ich rauskam, fing er an zu miauen und ich hab ihm etwas von meinen Nudeln gegeben (dass Hunde und Katzen hier auch vegetarisch speisen, ist eine Eigenschaft, deren Abwesenheit mir bei ihren Artgenossen in Deutschland mal so gar nicht gefaellt). Als ich mein Buch gelesen habe, kam er nach einer Weile an, legte sich neben mich und liess sich so lange streicheln, bis er eingeschlafen war.

Vorhin, als ich von der Schule kam, war er auch wieder da. Diesmal gabs Eierkuchen und ein rohes Ei fuer ihn. Mein Gott, ist er suess. So ist das mit Menschen, die keine richtigen Beziehungen zu anderen  Menschen haben; die freuen sich halt, wenn sie ihre Liebe IRGENDEINEM Wesen geben koennen, und sei es einer daemlichen Katze. Kater. Immerhin ist er total sauber, ganz im Gegensatz zu den Dreckshunden, die hier rumlaufen.

Dargestellt

Im Englischunterricht der aelteren Kinder haben wir die vergangene Woche „Three little pigs“ behandelt. Erst habe ich die Geschichte erzaehlt, parallel dazu gemalt, danach haben die Kinder die entsprechenden Vokabeln ausgeschnitten und auf Arbeitsblaetter (die Geschichte ohne Worte, nur mit Bildern) geklebt und im Anschluss daran selbst versucht, die Geschichte auf Englisch nachzuerzaehlen. Das war verdammt schwer fuer sie. Heute haben wir dann versucht, das entsprechende Theaterstueck aufzufuehren. „Theaterstueck“ sollte man in Anfuehrungszeichen setzen, wie gerade geschehen. Die Kinder fanden die Idee ganz toll und erst recht, als ich anfing, ihnen zu zeigen, wie man ganz einfache (!) props (leider faellt mir gerade das deutsche Wort ueberhaupt nicht mehr ein) basteln kann. Sie haben das dann den ganz Kleinen vorgefuehrt. Die Beurteilung „herausragende schauspielerische Leistung“ haetten sie dafuer nicht bekommen, kann man da nur sagen, kein Wunder bei nur einer Probe. Aber es hat ihnen so viel Spass gemacht, dass sie das Stueck unbedingt zum 15.8. auffuehren wollen…Damit es auch dem Publikum Spass macht, habe ich noch ein paar weitere Proben vorgeschlagen. Hier ein Bild der Schweine. Achja, und wie zu erwarten, fiel ihnen das Englisch-Sprechen im Theaterstueck leichter als beim blossen Nacherzaehlen. Vermutlich sprachen sie normalerweise im Englishunterricht sehr selten und waren eher mit zuhoeren und abschreiben beschaeftigt.

Was mir noch einfaellt: Am 15. August ist Independence Day. Fuer die, die mit der blossen Zahl von oben nichts anfangen konnten.

Nächste Seite »