Archiv der Kategorie 'Gewalt'

Sommercamp mit Suraj

Wieder zurueck vom Sommercamp. 44 Kinder aus Schule und Hostel waren dabei und alle Lehrer und Koeche und Erzieher. Insgesamt so um die 55 Leute. Waren in einem Ashram am Ufer des Ganges – kleine Lehmhuetten, ein ueberdachter Essensbereich und geschlafen haben wir draussen auf dem Boden unterm Sternenhimmel. Jeden Morgen vorm eigentlichen Fruehstueck fuer 2,3 Stunden an den Ganges, spielen, waschen und Wassermelonen essen. Der Ganges ist zur Zeit so niedrig, dass in der Naehe vom Ashram ein riesiges (!) Nichtschwimmerbecken entstanden ist. Unglaublich grossartig und das Wasser sieht okay aus. Weil dort auch nicht viele Leute wohnen, gibt’s auch kaum Muell am Strand. Auch wenn so viele Kinder da waren und ich staendig beschaeftigt war mit Streit schlichten, vermitteln, umarmen und troesten, war ein Junge ueberproportional praesent: Suraj (Name natuerlich geaendert). Falls er nicht gerade geduscht hat, was er beinahe krankhaft mindestens 8-10 Mal am Tag tut. Er ist sechs oder sieben Jahre alt, lebt seit 2 Jahren im Hostel, ist extrem (negativ) verhaltensauffaellig und sehr musikalisch begabt. Konzentrationsspanne im Unterricht - er geht in eine Privatschule mit den anderen Hostelkindern -: 5-10 Minuten. Beide Eltern sind Alkoholiker und gewalttaetig. Sie wohnen nicht auf der Strasse, sondern in einer 1-Raum-Wohnung, er hat 8 Geschwister, 3 davon waren im Hostel und wiederum zwei davon wurden auf Grund mehrmaligen Diebstahls herausgeworfen. Wir hegen den starken Verdacht, dass die Eltern die Kinder dazu anstiften zu klauen. Und Suraj tut das nur zu gerne, angefangen von Geld, ueber Suessigkeiten bis hin zu Dingen, die er gar nicht gebrauchen kann. Die beiden Schwestern von ihm, die ich persoenlich kenne, wurden sexuell missbraucht, von wem, wissen wir nicht so genau, wir verdaechtigen den Vater und/oder den grossen Bruder. Suraj selbst ist vielleicht auch Opfer von Missbrauch gewesen oder hat ihn bei seinen Schwestern erlebt, darauf deuten manche Dinge hin, die er tut und sagt.

Suraj kann normalerweise keine Grenzen ertragen, rastet dann sofort aus, schmeisst mit Schimpfwoertern um sich (nur als kleines Beispiel: „Ich werde deine Hurenmutter ficken und dir mit ‘nem Messer den Bauch aufschlitzen!“), schlaegt, tritt, beisst. Gibt regelmaessig Szenen im Hostel, und auffaelligerweise immer dann, wenn ich nicht genug Zeit habe fuer ihn. Muss gestehen, dass das sehr oft der Fall ist, denn da sind immerhin noch 29 andere Kinder… So eine Krise endet, wenn die Wut sich in Traenen aufloest, er in meinen Armen liegt und wir ueber das Geschehene sprechen oder schweigen.

Im Camp war das nicht anders. Oder vielleicht doch, denn meistens konnte die Situation gerettet werden, indem ich ihn auf seine Gefuehle angesprochen habe, bzw. ihn gefragt habe, was er gerade fuehlt und was er gerne machen wuerde. Als ob das Aussprechen genug waere, um ihn sich selbst erkennen zu lassen. Das Krasse: Die letzten drei Tage habe ich ihn noch nie so friedfertig erlebt, Grenzen anerkennend, selbst wenn sie ihm subjektiv Nachteil bringen (warten in der Reihe, bis er dran ist, zum Beispiel). Gestern meinte er zweimal: „Ab jetzt stehle ich nie wieder“. Ohne irgendeinen Bezug zu den Dingen, mit denen wir im Moment beschaeftigt waren. Und ich, skeptisch wie ich bin, hab natuerlich sofort gedacht: Ach, sicher hat er gerade was geklaut und erstmal schnell meine Sachen gecheckt (natuerlich so, dass er es nicht mitbekam). Fehlte aber nichts…!

Das Tragisch: Jetzt wird er ueber die Ferien zu seinen Eltern zurueck gehen und wenn ich im Juli wiederkomme, koennen wir beide noch mal von vorne anfangen. Jedes Mal, wenn er von seinen Eltern zurueck kommt, werde ich so unglaublich wuetend auf seine Eltern und wuerde ihnen am liebsten sofort das Sorgerecht entziehen (nachdem ich einen Schlaegertrupp vorbeigeschickt habe). Sie toeten ihre Kinder, noch bevor die sich dessen bewusst sein koennen.

Manchmal frage ich mich, ob es nicht schon zu spaet ist fuer Suraj. Eine Freundin meinte, er wird bestimmt mal ein Psychopath. Wenn man anschaut, wie er unseren kleinen Hund quaelt…nun ja. Opfer wird zum Taeter und so. Oh, aber dann ein tolles Erlebnis zum Schluss des Camps: Hatten einen Theaterabend und jede Family Group (Suraj war in meiner, das hatte er so entschieden, obwohl er laut Los in einer anderen war) sollte etwas vorbereiten. Meine Gruppe wollte verschiedene Berufe darstellen. Suraj war bei der Vorbereitung abwesend, hatte keine Lust dazu und kam erst 1 Stunde vor Beginn des Abends auf die Idee, dass er auch gerne mitmachen wuerde. Eigentlich waere es konsequent gewesen, ihm das zu versagen, weil er vorher nicht da war. Auf der anderen Seite dachte ich mir, dass er, wenn es rein nach seinem Verhalten ginge, NIE irgendetwas mitmachen duerfte, weil er staendig so gut wie alle Regeln bricht. Daher meinte ich, dass er ein Schueler sein darf, weil der kein Kostuem braucht (und die „Lehrerin“ aber noch einen Schueler). Suraj bestand zumindest auf einem Schlips, so dass es aussieht, als traege er eine Schuluniform und 10 Minuten spaeter stand er auf der Buehne. Was er nicht wusste: Das gesamte Stueck drehte sich um diesen Schueler und seinen Alltag. Fiel mir auch erst ein, als die Kinder anfingen auf die Buehne zu kommen, aber so gab es eine nette Geschichte und Suraj musste zu meinen Erzaehlungen improvisieren. Unglaublich, wie toll und ernsthaft er das gemacht hat. Nicht nur er, die anderen Kinder auch, aber fuer ihn hat es mich unglaublich gefreut. Tja, und so klammere ich mich an solche Kleinigkeiten, um irgendwie die Hoffnung nicht abkratzen zu lassen, dass das was wir tun, doch Sinn hat.

Was ich diese Woche gesehen habe…

- ein Interview mit einem irakischen Selbstmord-Attentaeter, der auf die Warteliste fuer Shahids gesetzt wurde, und allen moeglichen Klischees, die in den westlichen Medien so gerne wiederholt werden, widerspricht: finanziell gut gestellt, an moeglichen Jungfrauen im Himmel offensichtlich nicht so interessiert, weint vor der Kamera, weil das Gespraech auf seinen Sohn kommt, der auch mal „wie Papi“ Maertyrer werden moechte. Dass sein Sohn das gleiche Schicksal (das immerhin mit direktem Eingang in den Himmel belohnt wird) erleiden koennte,  ist etwas, dass er auf keinen Fall moechte. Er beginnt zu weinen und versucht klarzustellen, dass fuer ihn ein Selbstmordattentat die einzige Moeglichkeit ist, im Irak gegen die Amerikaner und die Juden zu kaempfen. Allerdings wird deutlich im Interview, dass er nicht Amerikaner und Juden per se meint, sondern die imperialistischen Bestrebungen Amerikas und den Zionismus. Klischees werden verwandelt und ein viel komplexeres Bild entsteht. Das leider auch viel schwieriger zu verstehen ist.

- Eine Dokumentation ueber den irakischen TV-Sender Al Jazeera, deren Mitarbeiter sich zum Teil aus ehemaligem BBC-Personal rekrutieren. Sehr angenehm, endlich mal eine andere Sicht der Dinge, die da so im Irak vor sich gehen, wahrnehmen zu koennen. Nicht unbedingt objektiver, aber dafuer in der eigenen Subjektivitaet reflektierter. Falls dieser Satz Sinn macht. Ausserdem, in der gleichen Doku: Ein amerikanischer Soldat (fuer die Betreuung der Presse zustaendig) fuehlt sich betroffen, dass er beim Anblick der Bilder ermordeter Kameraden schrecklich schockiert war, solche Gefuehle aber bei den taeglich zu sehenden Bildern irakischer Menschen nicht verspuert. Und ploetzlich merkt er, dass da etwas nicht stimmt…

- Einen Zusammenschnitt amerikanischer Nachrichtenerstattung, in der treffend gezeigt wird, wie durch Veraenderung der Sprache die oeffentliche Meinung beeinflusst werden soll. Z.B. nach einem Regierungserlass sagen die Nachrichtensprecher, wenn sie von Kolonien der Israelis auf palaestinensischem Gebiet reden, nicht mehr „Kolonie“, sondern „Nachbarschaft“. Und, schwupps, da greifen doch die boesen Palaestinenser die arme israelische Nachbarschaft an. Wie boese.

- Viel zu viele Tote und viel zu viel Gewalt, Luegen, Hass. Zu wenig Mit-Leiden.

Viktoria Fontan, eine Professorin von der Peace University in Costa Rica hat zwei Wochen bei uns unterrichtet, sie ist spezialisiert auf Medien und Terrorismus, war im Baskenland, im Kosovo, hat im Libanon recherchiert ueber Human Trafficking und war schon 12 mal im Irak seit Beginn des letzten Irakkrieges. Habe selten eine Frau erlebt, die soviele Dinge weiss und treffend analysiert, ohne sich in Schuldzuweisungen zu ergehen. Und die außerdem ein so grossartiger Mensch ist. Oh, und sie ist unglaublich jung, fuer das was sie weiß und kann, finde ich: 33 Jahre.

Mein tolerantes Indien

Vorletzte Woche wurden meine kleine Schwester und ich zum Plätzchenbacken bei einer Deutschen, die hier seit 8 Jahren lebt und arbeitet, eingeladen. Sie ist Christin, lebt von Spenden und versucht, den vielen Leuten, die nach Varanasi kommen, um spirituell was-weiß-ich zu erleben, einen „anderen“ Weg zu zeigen, oder wie auch immer man das formulieren sollte. Abgesehen davon, dass ich missionieren nicht mag, fand ich sie sehr angenehm und sympathisch, gerade weil sie nicht versucht hat, mir irgendwelche verfänglichen Fragen zu stellen, die mich „zurück zu Jesus“ bringen sollen. Sie hat ganz viele Kontakte zu irgendwelchen Kirchen und Gemeinden in ganz Indien und ist auch schon sehr viel (natürlich) herumgereist hier. Und hat mir was erzählt, was mich total schockiert hat, nicht nur weil es mal wieder zeigt, wie dämlich Menschen doch sind, sondern weil ich es bis dahin einfach nicht wusste:

In Orissa, einem Bundesstaat im Osten Indiens, grenzt an die Bay of Bengal, finden offenbar schon seit über einem Jahr Übergriffe von radikalen Hindus auf christliche Einrichtungen, Kirchen, und deren Gläubige statt. Nonnen wurden vergewaltigt, Kirchen niedergebrannt, Kirchenoberhäupter von Mobs angegriffen. Das letzte größere Ereignis laut Presse scheinen Gewaltausbrüche (sagt man das so im Deutschen? Man verzeihe mir) im August gewesen zu sein:

Einer der Führer der Hindu-nationalistischen Organisation „Vishwa Hindu Parishad“ (Welt-Hindu-Rat) – Swami Laxmanananda – wurde umgebracht und daraufhin kam es zu Aufständen im gesamten Bundesstaat. Laxmanananda wird verantwortlich gemacht für ganz viele anti-christliche Kampagnen und er galt auch als Unterstützer und Befürworter der Progromen an Weihnachten 2007, bei denen in ganz Indien Häuser und Kirchen von Christen zerstört wurden. Als Laxmanananda umgebracht wurde, verließen angeblich die ihn zu schützenden Polizisten 5 Minuten vorher den Raum. Ob das stimmt oder nicht, lässt sich natürlich nicht wirklich feststellen…Blöd. Aber für die Verschwörungstheoretiker unter uns (na, wen meine ich wohl?) ist das doch ne nette Sache. Auf jeden Fall war natürlich nach diesem Mord Polen offen und die VHP hat nun ein weiteres Argument für ihren Kampf gegen die Christen.

Außerdem wird davon gesprochen, dass die Regierung von Orissa (eine Koalition der Bhartiya Janata Party und der Biju Janata Dal) der Vishwa Hindu Parishad Transportmittel und andere logistische Unterstützung bietet, um den Konflikt nicht abebben zu lassen.

Das ist jetzt alles nicht sehr detailliert, hab auch nur ein bisschen rumgegoogelt, aber ich finde es erschütternd, dass ich so wenig weiß von dem, was eigentlich so passiert in unserer bekackten („bekackt“ in all seinen Bedeutungsebenen) Welt.

Hier ein paar eher willkürlich gewählte Links:

- Human Rights Watch
- Tearfund
- Voice of America
- Christian Post
- Indian Muslims