Der Film: Habe gerade einen Film geschaut (der Titel des Artikels ist der Titel des Films, wer hätte das gedacht…). Eine Mutter erfährt, dass ihr Sohn verdächtigt wird, ein 12-jähriges Mädchen missbraucht, umgebracht und während ihres Todes onaniert zu haben. Der Sohn wird inhaftiert und im Gefängnis selbst vergewaltigt, von mehreren Männern. Als die Männer gehen, nimmt er einen Stuhl, schlägt den Fernseher ein und versucht sich mit den Scherben umzubringen. Gelingt ihm nicht, versetzt aber der Mutter einen weiteren Schock. Sie wiederum stößt durch den Anwalt ihres Sohnes auf Hinweise, dass der Sohn von ihrem Ex-Mann, seinem Schwiegervater missbraucht wurde. Ob das stimmt, ist auch zum Ende des Films unsicher. Schlussszene: Mutter und Sohn sitzen sich im Zimmer gegenüber, am Fenster neben dem Tisch steht der Anwalt. Die Mutter fragt den Jungen aus (der Junge ist übrigens ein Mann von ca. 32 Jahren) und der fängt langsam an, zu reden. Wie er das Mädchen kennen gelernt hat, was sie zusammen gespielt haben, wie sie ihn (!) das erste Mal geküsst hat, wie sie ihn (!) nackt malen wollte. Und wie er sie dann umgestoßen hat, aus Versehen, weil sie nicht seinen Penis anfassen wollte. Als die Mutter erwidert: „Ihr Kopf wurde zerschmettert, Tommy“, rastet der Sohn aus und brüstet sich damit, wie gut er das kleine Mädchen verarscht habe und dass sie leiden musste und ihn das sehr freut. Er wird abgeführt, aber vorher geht die Mutter zu ihm, umarmt und küsst ihn und streichelt ihm immer wieder über Gesicht, Schultern und Brust. Der Anwalt steht immer noch einfach so da, man weiß nicht, was er fühlt. Dann geht der Sohn hinaus und der Film ist zu Ende.
Das Problem: Ich frage mich wirklich, wozu diese Filme gedreht werden. Sie stören mich, nicht durch ihren direkten Umgang mit dem Thema „sexueller Missbrauch“, sondern durch ihre Verarbeitung desselben. Meine Vermutung ist, dass „normalerweise“ Vergewaltigung und Missbrauch viel unspektakulärer ablaufen. Da gibt es keinen Mord am Ende, keinen lustvoll und rasenden Gestehenden, und das Opfer steht vor der eher mühsamen und weniger sensationellen Herausforderung, herauszufinden, wie Alltag wieder lebbar werden kann – oder zumindest erträglich. Und wird, da meistens völlig gefangen in den erfahrenen Beziehungsmustern und -strukturen, uninteressant. Die unzähligen abgebrochenen Psychotherapien, die unbeholfenen und verzweifelten Versuche, mit Männern einen normalen Umgang zu pflegen, nach außen hin gefasst zu wirken, das Sich-Vergraben in den eigenen vier Wänden, das erneute Scheitern und Hineinrutschen in eine negative Beziehung. Völlig uninteressant im Vergleich zum teuflischen Vergewaltiger…
Das Komplexe: Täter wiederum sind meines Erachtens in der Mehrzahl der Fälle keine Monster, die sich an jedem Kind aufgeilen und alle Kinder in ihrer Umgebung töten (dass immer noch die Mehrzahl der Missbräuche von Männern aus der Familie des Opfers begangen werden, ist sicher bekannt). Ich vermute, dass Täter meist „normale“ Menschen sind, normaler als wir das vielleicht gerne hätten – denn WIR sind doch die Normalen, sprich: die Guten. Oft gibt es einen langen Kampf des Täters gegen das eigene Verlangen, Kinder zur sexuellen Befriedigung zu benutzen, die wenigsten sind wirklich frei von Schuldgefühlen und viele versuchen, Mißbrauch wieder gut zu machen durch Geschenke oder andere Aufmerksamkeiten. Das Öffentlichmachen eines Mißbrauchs ist für den Täter nicht nur schlimm, weil er gebrandmarkt wird als Unmensch und ihm das Gefängnis droht, sondern auch, weil er sich selbst und dem Blick in das eigene Sein nicht mehr davon rennen kann.
Natürlich ist es schwierig, eine Antwort zu finden auf die Frage, inwiefern ein Mensch, der Kinder sexuell missbraucht, verantwortlich ist für das, was er tut. Um diese Frage geht es mir hier nicht, sie wird von vielen Wissenschaftlern kontrovers diskutiert und ich bin nicht kompetent genug, um dazu eine Meinung mit Erkenntnisgehalt beisteuern zu können. Aber mich interessiert, ob nicht durch die Dämonisierung von Tätern in der Gesellschaft ein Raum entsteht, in dem gerade diese Täter besser „arbeiten“ können. Denn was für sie hauptsächlich zählt, ist die möglichst perfekte Tarnung. Einem liebevollen Familienvater, der nach der Arbeit seine Freizeit für die Fertigstellung des Familienhauses opfert, im Kirchenvorstand ist und gemeinhin als prinzipientreuer Ehemann gilt, wird niemand unterstellen, dass er sein Kind missbrauche, selbst wenn es Anzeichen im Verhalten des Kindes gäbe. Natürlich sähe das anders aus, wenn der Mann von weitem schon als Vergewaltiger erkennbar wäre, vielleicht durch Kinderunterwäsche, die er immer mit sich herumträgt oder einem besonders kranken Blick.
Durch unsere Rezeption dessen, was normal sei und was als krank zu gelten habe (der Sohn im Film sah sehr krank aus, geistig und körperlich, man sah ihm an, dass er psychisch geschädigt ist und schuldig), übersehen wir den normalen Täter. Der meist eine eigene Familie hat, die möglicherweise (in vielen Fällen ist das so) den Missbrauch deckt, bewusst oder unbewusst. Mütter stellen sich sehr oft auf die Seite des Täters, auch wenn ihre eigenen Kinder die Missbrauchsopfer waren. Der Täter wiederum wurde vielleicht selbst missbraucht. Er ist vielleicht in einer Ehe gefangen, in der „Sex“ ein unausgesprochenes Tabuwort ist, die entsprechende Handlung nur selten ausgeführt wird. Vielleicht hat er allen Ernstes gehofft, dass das Kind zu klein ist, mitzubekommen, was da passiert.
Das Ambivalente: Was ich schreibe, klingt vielleicht nach einer Verteidigung der Täter bzw. der Tat. Ist so nicht gemeint und eigentlich finde ich es schade, dass ich das Gefühl habe, es betonen bzw. mich rechtfertigen zu müssen. Auf fast allen Teenie- oder Jugendfreizeiten, bei denen ich mitgearbeitet habe, gab es mindestens ein Mädchen, das sexuell missbraucht wurde. In der Kindertagesstätte in Odessa (Ukraine), in der ich gearbeitet habe, bestand bei einigen Mädchen der Verdacht, dass sie von ihren Vätern bzw. Stiefvätern missbraucht wurden. In meiner Klasse in Betawar hatte ich bei zwei von den drei Mädchen meiner Klasse den Verdacht, dass sie sexuell missbraucht werden. In meiner neuen Schule (Basic Human Needs) gibt es einige Kinder, auch Jungs natürlich, die oft von Unbekannten – da sie auf der Straße leben – vergewaltigt wurden oder auf Grund von Missbrauchserfahrungen von zu Hause geflüchtet sind. Ich habe das Gefühl, dass Missbrauch nicht nur keine Seltenheit ist, sondern völlig NORMAL ist. Und deshalb nicht weniger verwerflich, nicht weniger schrecklich.
Das Schlimme: Dass es tatsächlich MENSCHEN sind, die Kinder quälen.