Archiv der Kategorie 'Psychologie und Pädagogik'

Freiarbeit

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Christine, siehst du die Farbenplaettchen? Die groesseren Kinder haben ein tolles Spiel entwickelt: Ein Kind haelt ein beliebiges Farbenplaettchen hoch und wer zuerst den richtigen Namen auf Englisch sagt, bekommt das Plaettchen…

Der Junge im orangefarbenen T-Shirt ist Sundar, er mag das Hunderterbrettchen sehr, aber nur, wenn noch andere Kinder mit ihm mitspielen. Er hat immer noch Probleme der Wort-Gegenstand-Zuordnung (d.h. wenn er sagt „sieben“, dann auch tatsaechlich das siebte Blaettchen zu legen und nicht schon das achte). Am Anfang zaehlte er einfach und legte gleichzeitig Blaettchen, ohne dass Wort und Anzahl der gelegten Blaettchen uebereinstimmen. Hat er in der Schule gelernt. Mittlerweile hat er begriffen, dass er greifen muss. D.h. bei „eins“ muss er das erste legen, und so weiter…Faellt ihm manchmal noch schwer, aber wird schon.

Ganz hinten links oben sitzt Priya, sie ist GANZ leicht geistig behindert, bzw. grenzwertig. Meint die Mutter. Vielleicht war einfach ihre Schule unglaublich schlecht und die Foerderung zu Hause auch. Man weiss es noch nicht, sie ist erst seit kurzem da. In der Freiarbeit sass sie am Anfang immer so wie auf dem Bild, naemlich nichtstuend, herum. Habe nach einiger Zeit angefangen, ihr Dinge anzubieten, die sie dann auch gerne macht, aber von alleine nicht wiederholt. Ein weiteres schulgeschaedigtes Kind. Juhu.

Ach ja. Gestern hatten wir ein Teacher-Training zur 3-Period-Lesson (wie sagt man auf Deutsch, Frau Happ?)…der Weg ist lang.

Angefragt…

Heute hat mich eine Lehrerin gefragt, wie sie denn einem Nachbarkind beibringen koenne, keine Schimpfwoerter (wie z.B. Motherfucker) zu seinen Eltern und Geschwistern zu sagen. Und sie erwartete tatsaechlich eine (moeglichst knappe) Antwort.

Immer wieder ueberrascht es mich, dass Leute kommen und mich solche Dinge fragen, in der Annahme dass es 1. eine eindeutige Antwort gibt und 2. ich sie kenne. Meistens irren sie sich in beidem und dann stehe ich da und versuche, irgendwas schlau klingendes herauszubringen. Hab es auch schon mit „keine Ahnung“ (meines Erachtens die angemessenste Erwiderung) probiert, aber das ruft meist nur ein „Ach komm, sagen Sie schon“ hervor.

Es ist so schwierig, anderen, deren Sprache ich zudem nicht perfekt beherrsche, begreiflich zu machen, wie komplex die Einwirkungen sind die das Verhalten des Kindes bestimmen, und dass es selten eine schnelle oder sofortige Antwort gibt. Und wenn es sie gibt, dann ist sie wohl zu oberflaechlich und beruehrt die eigentliche Problemzone nicht.

Diese Art von Denken ueben wir gerade in der Schule. Zunaechst beobachten, das dann aufschreiben, um dann irgendwann darueber zu reflektieren und diskutieren, welch Verhalten in welchen Situationen ein Kind an den Tag legt. Dann irgendwann ueber die Ursachen nachdenken und darueber, wie man am besten den Beduerfnissen des Kindes gerecht werden koennte. Ein langer Weg, Ende nicht abzusehen. Ich bin meist genauso ratlos wie die anderen Lehrer und wuerde gerne so tuen als ob ich schlafe, wenn sie mich fragen, wie sie sich am besten verhalten soellten…Vielleicht sollte ich ihnen von Sokrates erzaehlen. Auf Deutsch.

Timetable

For anyone who’s interested, this is our new timetable:

7.30-8.00: Yoga

8.00-8.20: Assembly (Meeting of all classes, discussion of issues concerning all children)

8.20-8.30: Teachers get ready for class and children drink lemon juice

8.30-9.20: First Period

9.20-9.40: Children have break and fruits outside the school, while teachers set up the area for the Free Period

9.40-10.30: Free Work Period (for Pre-Nursery: Free Play, Nursery children can decide wether to stay with Pre-Nursery or the bigger children)

10.30-10.40: Cleaning up the Free Work area, getting ready for the next class

10.40-11.30: Second Period

11.30-12.00: Sweeping the classroom, setting up the seating arrangement for lunch, washing hands

12.00-12.30: Lunch

Puja

Es gibt ein paar Kinder im Hostel, die immer wieder mal wegrennen, zurueck auf die Strasse zu ihren „Freunden“. Puja (ca. 12) ist in letzter Zeit mehrmals fuer ein paar Tage verschwunden, einmal habe ich sie auf Lanka betteln gesehen, sie hat sich entsprechend geschaemt und ist schnell weiter gegangen. Am naechsten Tag war sie wieder im Hostel.

Das Problem ist nicht so sehr dieses Wegrennen, denn sie kommen immer wieder, sondern die Umgebung, in der sie dann leben – das ihre Freunde und Familie arm sind, ist grundsaetzlich nicht stoerend. Gefaehrlich ist, was diese Armut mit sich bringt: Die Kinder kommen jedesmal voellig verlaust und mit den seltsamsten Krankheiten bestueckt wieder zurueck, ganz oft haben sie Fieber. Puja hat jetzt gerade einen Ganzkoerperausschlag und Laeuse, mit denen man Fleischgeschmack in ‘ne Suppe bekommen koennte. Zudem sind ihre Freundinnen (alle so zwischen 11 und 15) Prostituierte. Nicht in der professionellen Variante. Sie gehen abends mit irgendwelchen Maennern in die Wildnis, lassen Sex mit sich machen und bekommen dafuer (neben netten Krankheiten) zwischen 40 und 60 Cent. Das ist mehr, als man durch Betteln oder Muellsammeln am Tag verdienen kann und daher nicht nur fuer die Eltern, die das wissend tolerieren, eine interessante Einkommensvariante. Auch fuer Jungs bzw. Maenner ist das – in der Rolle des „Kontakte-Vermittlers“ gewinnbringend. Die Maedchen werden dann mit 12-15 Jahren verheiratet und kein Hahn kraeht mehr nach ihnen (netter Spruch). Soweit ich das einschaetzen kann, ist Puja da noch nicht „im Feld“ gewesen, aber wenn sie nicht den Absprung schafft, ist es nur eine Frage der Zeit (auch ein netter Spruch, Plattheiten besuchen mich immer dann, wenn ich sie gerne vermeiden wuerde).

Dummerweise koennte sie gut Geld verdienen mit Prostitution und ich hoffe, die Aengste bleiben groesser als das Verlangen nach Geld, die Neugier und die Ueberredenskuenste ihrer Freundinnen. Puja ist wunderschoen, sieht eher afrikanisch aus und ist relativ gross fuer den indischen Durchschnitt. Irgendwie erinnert sie mich an ein Reh. Sieht man sie auf der Strasse, koennte man denken, sie ist ein anderer Mensch – ich dachte zunaechst, dass es ihre Schwester sei. Die Schoenheit ist dann verschwunden irgendwie und es bleibt einzig diese abstossende Aufdringlichkeit, die man wahrnimmt. Man bekommt das Gefuehl, als ob sie alle Menschen nur als potentielle Einnahmequelle betrachtet. Am schlimmsten fuer mich ist es, die Verwandlung zu sehen zwischen dem Maedchen, das sie ist, wenn sie auf der Strasse ist und dem Maedchen, das sie ist, wenn sie im Hostel ist.

Andererseits bedeutet das natuerlich auch: Die anderen Maedchen auf der Strasse, denen ich begegne und nicht kenne und die in mir auch dieses Gefuehl des Abgestossen-Seins erwecken, haben auch das Potential der positiven Verwandlung, wuerden sie nur in einer anderen Umgebung sein. Versuche immer noch zu verstehen, was die Kinder dazu bewegt, wieder zurueck zu gehen auf die Strasse. Gibt es natuerlich viele Theorien dazu, aber es wirklich zu VERSTEHEN, ist verdammt schwer, finde ich.

Buecher

Shilu und ich waren vorgestern mit seinem Motorrad unterwegs und haben Hindi-Buecher gekauft, weil Kathrin (sie ist Inderin, Christin, daher ihr Name) mit dem Hindiunterricht nicht klar kommt. Und mich um Hilfe gebeten hat. Alleine deshalb wollte ich ihr helfen, weil ich es grossartig finde, dass endlich mal ein Lehrer zugibt, nicht zurecht zu kommen. In der Southpoint School war ich umgeben von mehr oder weniger unqualifizierten Lehrern (Priya war die Ausnahme) und jeder erweckte in den Meetings den Eindruck, Herr der Lage zu sein – niemand war es. Wenn ich mit den Lehrerinnen alleine geredet habe, beschwerten sie sich staendig ueber die zu viele Arbeit, die Probleme mit der Fuelle des Lehrplans (bzw. dessen Einhaltung), Schwierigkeiten mit bestimmten Schuelern. Aber wenn solche Dinge im Team offen kommuniziert werden wollten, herrschte beredtes Schweigen.

Wie auch immer, jetzt gibt es Hindi-Buecher. Und zwar sehr gute, vom Erziehungsministerium. Der Held des ganzen (hab seinen Namen vergessen) hat vor ein paar Jahren angefangen, die Buecher voellig umschreiben zu lassen, damit selbst Kinder, die von schlechten Lehrern unterrichtet wuerden, die Moeglichkeit besaessen, sich selbst zu bilden. Hat er gesagt. Und 2006 eine neue Version der offiziellen Regierungsschulbuecher rausgebracht – fuer 50 cent das Stueck. Die sind qualitativ extrem hochwertig, so im Vergleich zum viel teureren Buecherschrott, der hier im Umlauf ist. Aber auch hier gibt es die interessante Auffassung, dass nur das RICHTIG gut sein kann, was teuer ist. Daher benutzen die meisten oeffentlichen Schulen andere (also: teurere) Buecher, die weniger kindgerecht, weniger fachgerecht und weniger schoen sind. Daemlich.

Sylvia, meine franzoesische Nachbarin, hat in Frankreich eine NGO gegruendet, die indische Ngos mit Buechern ausstatten will. Dafuer bekommt sie nicht nur Bargeld von dort, sondern hat auch eine Buecherlieferung mit tausenden von Buechern bekommen (Ubertreibung, es sind nur tausend, glaube ich). Und sie bezahlt die neuen Schulbuecher fuer die Kinder und demnaechst gehen wir Kinderbuecher einkaufen. Juhu!!!

Ich hab mir auch ein Buch gekauft, naemlich ein Hindi-English-Woerterbuch, weil meins verschwunden ist. Und ich muss endlich mal an meinem Hindi arbeiten, es beschaemt mich immer wieder, wenn ich wuetend bin und die daemlichsten Fehler mache, weil ich so aufgeregt bin bzw. mir mal wieder nicht auf Hindi einfaellt, was ich gerne sagen will. Oder die Kinder mich nach Uebersetzungen fragen und ich ihnen nicht helfen kann, weil mein Hindi nicht so gut ist. Ich brauche mehr Zeit.

Die Kinder, besonders Laxmi und Krishna, waren voellig vertieft in ihre neuen Lehrbuecher. Die Buecher bauen vorwiegend auf Geschichten und Gedichten auf, so aehnlich wie mein Englischunterricht, nur in bunt. Da die Kinder der aelteren Gruppe (Senior Group = SG) in Hindi den Klassenstufen 3-5 entsprechen, hat jeder ein Buch entsprechend seines Levels erhalten. Mein Hindiunterricht (eigentlich ist es eine Schande, dass ich das unterrichte, verstehe die meisten der Texte kaum) lief heute so ab: Jedes Kind hat seine erste Geschichte gelesen und danach ein paar Fragen aus dem Buch, das Arbeitsheft und Lehrbuch in einem ist, beantwortet. Danach durfte dann aus jeder Gruppe ein Kind seine Geschichte erzaehlen. Das war sehr schwierig fuer die Kinder, die ein Gedicht hatten. Sie haben dann erst das Gedicht vorgelesen und ich hab ein paar Fragen in mehr oder weniger gutem Hindi gestellt. Klingt nicht so spannend, war es auch nicht. Ist halt nicht meine Sprache…und Kathrin hatte genug zu tun mit der Junior Group (SG). Ich hoffe, das klingt jetzt nicht so muede und fertig, wie ich mich fuehle. Es war ein schoener Tag in der Schule. Bis jetzt ist jeder Tag schoen gewesen. Komisch.

Ein Kind (Dhuja, 7) hat mir gesagt, dass ich ab jetzt seine Mami bin. Und das erzaehlt es ueberall herum, und: dass Shilu ihr Papa ist. Sie wohnt im Hostel, hat fuenf Geschwister und die Mutter will sie nicht daheim haben, weil sie beim Arbeiten im Haushalt stoert… An Tagen, an denen sie heimdarf, nimmt die Mutter sie manchmal nicht mit, sondern nur den grossen Bruder (Krishna, 10). Dhuja und Krishna waren erst relativ gleichgueltig mir gegenueber. Nein, nicht wirklich gleichgueltig, sie waren nur nicht so klammernd wie die Kinder aus den Bettelfamilien. Sie  keine Distanz und haengen sich einfach die ganze Zeit an einen dran, ohne ein „Nein“ zu respektieren. Am Anfang war ich sehr streng zu ihnen, hab ihnen grundsaetzlich verboten, mich anzufassen (auch an der Hand), weil sie nicht differenzieren konnten zwischen Zeiten, in denen man Naehe suchen kann und Zeiten, in denen das nicht geht (wenn ich in einer anderen Klasse unterrichte). Ich vermute, dass sie durch das staendige Betteln daran gewoehnt sind, die Grenzen anderer Menschen zu ignorieren – wer wuerde ihnen sonst Geld geben, wenn sie nicht verdammt aufdringlich waeren?

Mittlerweile hat sich das ein wenig gelegt und meistens koennen sie akzeptieren, wenn ich „Nein“ sage und weggehe (ich gehe ja auch nicht einfach so, sondern erklaere ihnen, warum ich gehe) und sie haben dieses aufdringliche, bettelnde Verhalten abgelegt. Zumindest bei mir. Gestern waren zwei Hollaender da, die wurden bestuermt und bedraengelt, aber scheinbar hat sie das nicht so gestoert wenn die Kinder sie belagerten. Mich schon, weil das meine Bemuehungen darum, die Grenzen des anderen zu respektieren, ein bisschen unterminiert. Sagt man das so im Deutschen? Unterminiert? Klingt seltsam.

Wie auch immer, Krishna und Dhuja waren nicht so, sondern sehr zurueckhaltend am Anfang. Neulich war Dhuja krank und ich sollte sie mit nach Hause nehmen, damit sie mal einen Nachmittag Ruhe hat und schoen ausschlafen kann. Das hat sie dann auch gemacht und danach habe ich sie geduscht in einer kleinen Wanne (mit dem Eimer, draussen auf dem Hof in der Sonne). Das war ein unglaublich schoener Moment, sie so gluecklich zu sehen und wie sie das Wasser geniesst. Hab ihr Knisterbadeperlen zum Spielen gegeben (Moeff, wenn du das liest, schick das der Uschi, das war ihr Geburtstagsgeschenk fuer mich!!! Und toll war es und ist es noch! Danke) und ihr danach Laeuse entfernt. Ungefaehr 3 bis 4 hundert Nissen und ca. 20 Laeuse. Keine Uebertreibung. Wir haben eigentlich nichts besonderes gemacht, aber das muss grossartig gewesen sein fuer sie, diese gebuendelte Aufmerksamkeit.

Ich versuche eigentlich bei allen Kindern (mehr oder weniger gelungen), jedem ab und an ungteilte Aufmerksamkeit zu schenken, weil ich glaube, dass es sehr wichtig ist fuer ein positives Selbstbild, das Gefuehl erlebt zu haben, fuer jemanden etwas Besonderes zu sein, bzw.: besonderer (oder: mehr geliebt) als andere. Das mag unsozial klingen, aber im Prinzip ist Familie darauf aufgebaut – den Eltern sind die eigenen Kinder immer wichtiger als andere Kinder. Und dieses Gefuehl kann man relativ leicht vermitteln, finde ich. Zum Beispiel massiere ich manchmal den Kopf von nem Kind, das sich gerade die Haare waescht, das geniessen sie sehr und es ist ein wirklich ruhiger, intimer Moment, in dem das Kind sich voellig entspannt. Und danach ein bisschen gluecklicher wirkt, oder zufriedener. Weiss auch nicht, ich probiere gerade sehr viele Dinge aus und weiss nicht wirklich, was davon besser oder schlechter ist. Meistens habe ich das Gefuehl, intuitiv richtig zu liegen. Aber mit diesem Gefuehl kann man auch schoen falsch liegen. Und ich muss mich zwingen, Distanz zu wahren zu denn Kindern, denn immerhin (und das versuche ich mir staendig vor Augen zu halten) sind es NICHT meine Kinder – was ich Dhuja auch immer wieder sage. Und sie darauf: „Wenn du weggehst, werde ich dich sehr vermissen.“

Das staendige Weggehen weisser Bezugspersonen… da muss ich das naechste Mal drueber schreiben, weil es mich so wuetend macht. Akche hat vor ein paar Tagen gesagt (nachdem ein deutsches Maedchen, das ein paar Wochen hier war, wieder gegangen ist): „Du darfst nicht gehen, okay? Marisa ist weggegangen, aber du darfst nicht gehen!“ Das hat er bestimmt 4 Mal gesagt. Und ich plane, naechstes Jahr noch mal in Deutschland zu studieren…

Dargestellt

Im Englischunterricht der aelteren Kinder haben wir die vergangene Woche „Three little pigs“ behandelt. Erst habe ich die Geschichte erzaehlt, parallel dazu gemalt, danach haben die Kinder die entsprechenden Vokabeln ausgeschnitten und auf Arbeitsblaetter (die Geschichte ohne Worte, nur mit Bildern) geklebt und im Anschluss daran selbst versucht, die Geschichte auf Englisch nachzuerzaehlen. Das war verdammt schwer fuer sie. Heute haben wir dann versucht, das entsprechende Theaterstueck aufzufuehren. „Theaterstueck“ sollte man in Anfuehrungszeichen setzen, wie gerade geschehen. Die Kinder fanden die Idee ganz toll und erst recht, als ich anfing, ihnen zu zeigen, wie man ganz einfache (!) props (leider faellt mir gerade das deutsche Wort ueberhaupt nicht mehr ein) basteln kann. Sie haben das dann den ganz Kleinen vorgefuehrt. Die Beurteilung „herausragende schauspielerische Leistung“ haetten sie dafuer nicht bekommen, kann man da nur sagen, kein Wunder bei nur einer Probe. Aber es hat ihnen so viel Spass gemacht, dass sie das Stueck unbedingt zum 15.8. auffuehren wollen…Damit es auch dem Publikum Spass macht, habe ich noch ein paar weitere Proben vorgeschlagen. Hier ein Bild der Schweine. Achja, und wie zu erwarten, fiel ihnen das Englisch-Sprechen im Theaterstueck leichter als beim blossen Nacherzaehlen. Vermutlich sprachen sie normalerweise im Englishunterricht sehr selten und waren eher mit zuhoeren und abschreiben beschaeftigt.

Was mir noch einfaellt: Am 15. August ist Independence Day. Fuer die, die mit der blossen Zahl von oben nichts anfangen konnten.

Mehr Arbeit

Das Foto hab ich in der Pause gemacht. Hab ihnen nicht gezeigt, was sie bauen muessen, das haben sie alleine gemacht… Suesse (damit meine ich Christine), du glaubst gar nicht, wie sehr sie das freut, dass es mittlerweile wenigstens ein bisschen Spielzeug (naemlich: deins) gibt. Du bist ein Schatz.

Ich soll jetzt doch alle Faecher unterrichten, hatte ich das erwaehnt (auch Hindi, bei den ganz Kleinen)?und zudem die Wochen- und Tagesplaene fuer alle drei Gruppen - Senior, Junior und Baby Group erstellen, also sozusagen fuer Kindergarten bis 2. oder 3. Klasse :-)

Das allergroesste Problem ist wohl die unregelmaessige Anwesenheit der Kinder. Manche gehoeren zu Bettlerfamilien, die das Betteln als Beruf ausueben, und die gehen oft weg aus Varanasi, wenn es in anderen Staedten heilige Festivals gibt, wo sie mehr Aussicht auf Einkommen haben als hier. Da die Kinder natuerlich grundsaetzlich mehr erbetteln koennen, muessen sie mit und kommen dann einfach fuer zwei, drei Wochen nicht mehr. Und manchmal gar nicht mehr. Kontinuitaet ist ein Fremdwort (auch in seiner Hindi-Uebersetzung).

Wir planen gerade fuer die beiden Lehrer regelmaessige Teachertrainings, d.h. ich treffe mich einmal pro Woche mit ihnen, wir besprechen die vergangene und planen die naechste Woche. Gleichzeitig sollen sie lernen, besser auf die Kinder und ihre Beduerfnisse reagieren zu koennen und aus bestimmten Verhaltensweisen auf das Befinden des Kindes zu schliessen. Die Feinfuehligkeit, die dafuer notwendig ist, fehlt noch, finde ich. Dennoch: es ist nicht aussichtslos, weil die beiden sehr gerne lernen wollen. Heute fragte mich Kathrin (diesselbe, ueber die sich die Kinder beschwert haben, weil sie von ihr geschlagen wurden), ob ich ein Jahr bleibe. Als ich bejahte, laechelte sie und meinte, dass sie das froh macht, weil sie nicht weiss wie und was sie unterrichten solle. Habe echt Glueck, solche Kollegen zu erwischt zu haben und nicht irgendwelche Deppen, die alles Neue fuer eine Bedrohung halten und man staendig kaempfen muss, um sie von grundlegenden paedagogischen Einsichten zu ueberzeugen. Ich finde auch, dass die beiden sehr schnell lernen. Sobald ich ihnen den Umgang mit einem Material, ein Lied oder eine Uebung zeige, versuchen sie, das sofort anzuwenden.

Dummerweise versetzt mich das in die unangenehme Situation, eben nicht nur fuer mich planen und Arbeitsblaetter erstellen zu muessen, sondern fuer alle drei Gruppen. Ich finde, Arbeitsblaetter erstellen dauert so unglaublich lange, zum Glueck liegen zu Hause noch ein paar Pre-School-Skill-Books rum, aus denen ich was zusammenkopieren kann. Ist auf jeden Fall mehr Arbeit, als ich erwartet (erhofft) habe, aber ich glaube, es koennte sich lohnen. Zusaetzlich einmal pro Woche English fuer alle Mitarbeiter. Und ich habe noch nicht einmal angefangen zu studieren!

Ich bin sehr dankbar, dass mein Priyankar, mein Professor, mir hilft – ich habe einen Computer in seinem klimatisierten (!) Buero zur Verfuegung gestellt bekommen, wo ich drucken und kopieren darf und es auch Internet und ein sauberes Klo und Filterwasser gibt. Unerhoert. Ausserdem wird er mir einen Tisch und einen Stuhl schenken! Damit ich dann zu Hause immer schoen lernen kann :-)

Kindergarten

Die Kinder koennen ganz grossartig auswendig die Zahlen 1-10 auf English daher sagen, haben das Konzept von Zahlen aber nicht verstanden. Sie wissen weder, was „2″ bedeutet, noch welchem Zahlenbild welches Zahlwort zuzuordnen ist. Habe die kleinen Holzzahlen von Thomas (danke…) genommen und, bei 1 angefangen, sie die entsprechende Anzahl der Hoelzer aus der Dose nehmen lassen. Dass sie etwas selbst in die Hand nehmen duerfen, ist ihnen neu gewesen und es war toll zu sehen, wie dann so langsam die Hemmungen fielen und die Kinder begriffen haben, worauf es ankommt. Gleichzeitig: dass nicht jeder alles irgendwie nehmen darf, sondern es Regeln gibt. Klingt jetzt nicht so aufregend, was ich gemacht hab, ist ja auch nichts Neues, aber es ist so unglaublich befriedigend zu sehen, wie die Kinder LERNEN.

Leider lief der Unterricht bisher auf einer fuer die Kinder viel zu abstrakten Ebene ab, weshalb sie eigentlich nichts verstanden haben - was natuerlich Schuld der Lehrer ist. Obwohl man von „Schuld“ hier kaum sprechen kann: Nagender z.B. ist der Lehrer fuer die Baby-Gruppe (quasi: Kindergarten) und hat selbst die Schule nur bis zur 8. Klasse besucht. Und seine Schule war sicher keine Montessori-Schule :-) Was mich so unglaublich freut: Nagender und auch die andere Lehrerin, Kathrin, wollen unbedingt dazu lernen und sind froh, dass ihnen endlich mal jemand sagt, was sie tun sollen. Hach ja.

Basic Human Needs

Morgen ist mein erster richtiger Arbeitstag in der Schule der NGO „Basic Human Needs“. War gestern schon da, aber Samstags wird nur gespielt oder es gibt einen Ausflug. Im Moment kommen sehr viele Kinder, gestern waren es um die 40 - auf vielleicht hoechstens 30 Quadratmetern. Zwanzig davon waren weniger als 5 Jahre alt, die juengsten eineinhalb. Ich glaube, es wird sehr schwierig, hier guten Unterricht zu machen, von Platzproblemen einmal abgesehen.

Die Kinder kommen alle von der Strasse, bzw. vom Rand der Strasse (also in diesem Monat: aus dem Schlamm), sie wohnen entweder am Ufer des Ganges im Westen Varanasis, wo es noch keine Ghats (Treppenstufen zum Ganges) gibt. Oder sie kommen aus irgendwelchen Plastikplanen-Blech-Haeuschen am Rand von groesseren Strassen. Wobei „Haeuschen“ hier ein Euphemismus ist. Die Kinder sind voellig verwahrlost, und wenn ich das schreibe, meine ich nicht den Zustand von Kindern der Hartz-Vier-Familie von nebenan, die von den Omas als verwahrlost beschimpft werden. Das ist noch mal eine Stufe krasser als die Kinder in meiner alten Schule (nicht Nirman, sondern die in der Altstadt Varanasis, die vorwiegend von den armen Kinder der Fischer besucht wird), die immerhin in Steinhaeusern wohnten und deren Monatseinkommen bei ca. 1500 lag – ich vermute das sind 500 bis 1000 Rupees mehr, als die Eltern der Kinder meiner neuen Schule (insofern sie Eltern haben) verdienen.

Was ich so schlimm und fuer den schulischen Alltag so schwierig finde, ist, dass die Kinder so aggressiv sind, sich staendig gegenseitig schlagen und weh tun. Dabei koennen sie Grenzen, die gesetzt werden, kaum erkennen, geschweige denn einhalten. Gestern habe ich ein Spiel gespielt mit den Kleinsten (so ca. 1,5-3 Jahre) und jeder kam der Reihe nach dran. „Reihe“ ist ja sowieso ein Fremdwort in Indien. Auch nach mehrmaligem Zeigen und Ermuntern und Ermahnen ging das mit dem In-der-Reihe-Stehen nur ganz schwer, alle 30 Sekunden draengten sie schon wieder im Haufen. Und ein kleiner Junge hat sich staendig vorgedraengelt und noch staerker als die anderen schwaechere Kinder weggestossen, um weiter vorne zu sein. Irgendwann habe ich ihn hochgehoben, ihn auf eine kleine Mauer gesetzt und ihm gesagt, dass er nicht mehr dabei sein duerfe, weil er den anderen Kindern weh tut. Wenn er aber hier ruhig sitzen bleibt fuer 5 Minuten, nehme ich ihn dran. Hat der Junge doch tatsaechlich gemacht! Ich hab mich unglaublich gefreut, und ihn gelobt und er hat sich auch total gefreut.

Vermutlich muss ich mich in Geduld ueben und die naechsten Monate ganz viele Kleinigkeiten mit den Kindern ueben, die es ihnen ermoeglichen, sich friedlich (miteinander) zu beschaeftigen. Bei den kleineren Kindern ist Unterricht sowieso noch nicht sinnvoll, ich muss mal schauen, ob ich irgendwelche Spielsachen (Kuscheltiere waeren toll, aber woher nehmen?) besorgen oder basteln kann, so dass es genug fuer alle gibt und sie nicht die ganze Zeit streiten muessen darum, wer die Murmeln haben darf usw. Dadurch entstehen Wartezeiten, die natuerlich sehr schwierig sind fuer ein Kind, besonders wenn es umgeben ist von anderen Kindern, die das gleiche wollen – und der Zeitraum, das Spielzeug ueberhaupt zu bekommen, eng begrenzt ist.

Ich frage mich, ob ich ein schlechtes Gewissen haben sollte (ich habe es bereits), weil meine Wohnung um einiges groesser und schoener ist als die gesamte Schule…habe bereits ueberlegt, ob man nicht einfach den Unterricht in meine Wohnung verlegen koennte, es waere auf jeden Fall viel mehr Platz, es gaebe ein ordentliches Dach und verschiedene Raeume, so dass man die Kinder trennen koennte. Allerdings vermute ich, dass das letztlich eine schlechte Idee waere, ganz abgesehen davon, dass meine Vermieter, die alles, was arm ist, hassen, ausrasten und mir das Ganze sofort verbieten wuerden. MIt einem Mal haette ich keine Privatsphaere mehr und auch keinen Teilzeitjob. Ausserdem wuessten die Kinder, wie ich wohne, und dass ich viel besser wohne als sie selbst. Hm, weiss auch nicht. Der richtige Umgang mit dem krassen Unterschied zwischen Arm und Reich ist mir immer noch unklar.

Gerade wehte hier unten im Internetcaffe der Duft von Brathaehnchen. Die gibts hier gar nicht!

Mutter begehrt Sohn

Rund ein Drittel der Menschen, die meine Seite mit Hilfe von Suchmaschinen gefunden haben, gaben in die Suchmaske „Mutter, begehrt, Sohn“, „Mutter, onaniert, Sohn“ oder „Mutter, Sex, Sohn, Film“ ein. Bemerkenswert. Und die sexuelle Anziehung zwischen Eltern und Kindern eine der wenigen uns Deutschen noch verbliebenen Tabuthemen. Schön, oder?

Dass Kinder bereits Orgasmen bekommen können bzw. orgasmusartige Gefühle erleben, ist mittlerweile bekannt. Als ich meinen ersten bewussten Orgasmus als Jugendliche hatte, war das kein neuartiges Gefühl, sondern irgendwie kam es mir sehr bekannt vor, ich wusste nur nicht, woher. Ich kenne aber andere Frauen („kennen“ ist übertrieben, habe BÜCHER gelesen), bei denen es gar keinen Bruch gab zwischen Selbstbefriedigung als Kind und Selbstbefriedigung als Teenie und Jugendliche. Dies lässt vermuten, dass der Mensch nicht sexuelles Wesen wird, sondern immer schon ist. Wer mal kleine Jungs als Babies gewickelt hat, hat sicher festgestellt, dass ihr Penis steif werden kann, wenn sie sich wohlfühlen. Und bei meinen Babysitterkindern beobachte ich, dass der Vierjährige sehr gerne und oft seinen Penis anfasst.

Ich glaube, dass der Umgang mit der Sexualität von Kindern sehr viel Feinfühligkeit verlangt. Es ist ziemlich einfach, durch unbedachte Äußerungen die sexuelle Entwicklung von Kindern zu stören. Dazu kommt die Tatsache, dass wir Sexualität natürlich aus den Augen Erwachsener sehen, wo es um Verführung, Flirten und letztlich den Sex mit einem anderen Menschen geht. Wenn ein menschliches Gegenüber sexuelle Handlungen andeutet oder begeht, unterstelle ich ihm immer Intention – dieser Mensch will Sex und wahrscheinlich (da er das in meiner Gegenwart tut) mit mir. Bei Kindern ist das, glaube ich, völlig anders. Sie fassen sich nicht aus Berechnung an, oder um „mehr“ zu wollen. Sie sind unschuldig in dem Sinne, als ihnen völlig unbewusst ist, dass ihre Handlungen von anderen Menschen nicht nur wahrgenommen, sondern auch interpretiert werden. Kinder im Kindergartenalter haben einen ganzheitlichen Bezug zu ihrem Körper, Scham als Schutzfunktion ist ihnen oft noch unbekannt. Da das Berühren des Penis bzw. der Vagina zu schönen Gefühlen verhilft, Kinder sich selbst durch bloße Berührung Geborgenheit geben können, sich nach Stresssituationen beruhigen können – wie käme ein Kind dazu, diese so einfach anzuwendende Methode aus sich selbst heraus nicht zu benutzen?

Die Mutter berührt ihr Kind ständig, das fängt beim Stillen an und hört bei der Körperpflege und dem Hinternabwischen ihres Sohnes auf. Das Berühren des Kindes macht sie glücklich, beruhigt sie, gibt ihr Geborgenheit und das Gefühl, Sicherheit geben zu können. Sie kommt immer wieder in Kontakt mit der kindlichen Sexualität (vielleicht sollte man dafür ein anderes Wort finden, um Missverständnissen vorzubeugen). Klingt bereits nach dem, was Menschen und besonders Kinder bei Selbstbefriedigung erleben. Sie entwickelt zu dem Kind eine ähnlich intensive Beziehung wie vielleicht zu einem erwachsenen Sexualpartner auch – die beiden verbringen viel Zeit miteinander, berühren sich oft, der eine ist Voraussetzung zum Glücklichsein für den anderen.

Ich finde, in einer solchen Situation ist es durchaus möglich, beide Arten der Beziehung miteinander zu verwechseln, denn beide drücken sich auf eine sehr körperliche Art und Weise aus. Sie jedoch auszuleben hätte schlimme Folgen, zu allererst natürlich für das Kind. Es ist nicht bereit, körperlich sowie seelisch, den sexuellen Anforderungen anderer gerecht zu werden. Selbstbefriedigung des Kindes ist immer Selbstzweck und auf sich selbst gerichtet – vor allem noch nicht auf den sexuellen Akt hin angelegt. Wird das Kind früher als durch hormonelle bzw. körperliche Entwicklung vorgesehen dazu gebracht, die Formen der Sexualität Erwachsener auszuleben, hinterlässt das bleibende Schäden. Das Kind kennt sich nicht mehr aus, fühlt sich hilflos, wird gezwungen, einen Ausdruck seiner Sexualität zu demonstrieren, die ihm selbst fremd ist. Es muss Scham- und Ekelgefühle unterdrücken und wird überrannt von der Wirklichkeit, die es nicht reflektieren kann. Und: Das Kind wird sich immer schuldig fühlen, weil es ja selbst diese sexuellen, positiven Gefühle hatte. Also wird es wohl auch irgendwie schuld sein an dem Missbrauch.

Ich vermute, dass es viele Frauen gibt, die sich zu ihren Kindern auch sexuell hingezogen fühlen, umso mehr, wenn sie bereits selbst sexuellen Missbrauch erlebt haben – und das sind ja nicht gerade wenige. Im Gegensatz zu Männern, die ähnliches erlebt haben, schaffen sie es aber zu einem höheren Prozentsatz, sich von diesen teilweise auch erlernten Gefühlen zu distanzieren und das Wohl ihres Kindes über das eigene vermeintliche Wohl zu stellen. Das wäre wohl noch einfacher, wenn ehrliche Diskussionen über solche Themen möglich wären. Dann würden diese Frauen aus der Falle kommen, in der einige von ihnen bereits als Missbrauchsopfer gesteckt haben – dem Gefühl, alleine zu sein und alleine schuld zu haben.

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